Kontrakturen (Gelenkversteifung)
Wer viel liegt oder sitzt, Schmerzen hat oder nach einem Schlaganfall gelähmt ist, bewegt manche Gelenke kaum noch. Dann können sie nach und nach steif werden: Das Knie lässt sich nicht mehr ganz strecken, die Hand nicht mehr öffnen, der Arm nicht mehr heben. Diese Seite erklärt, wie eine Kontraktur entsteht, woran man sie früh erkennt, was nach heutigem Wissen hilft – und was weniger bringt, als viele denken.
Was ist eine Kontraktur?
Eine Kontraktur ist eine dauerhafte Bewegungseinschränkung eines Gelenks. Werden Muskeln, Sehnen, Bänder und die Gelenkkapsel über lange Zeit nicht mehr bis zum Ende gedehnt, schrumpfen und verkürzen sie sich. Das Gelenk bleibt in einer Stellung „hängen“ – meist gebeugt. Im schlimmsten Fall wird es ganz steif, und die Einschränkung lässt sich nicht mehr rückgängig machen.
- Betroffen sein kann jedes Gelenk – im Alltag fallen vor allem Knie, Hüfte, Schulter, Ellenbogen, Hand und Finger sowie das Sprunggelenk auf
- Sie entsteht schleichend, über Wochen und Monate, und wird deshalb oft erst bemerkt, wenn sie schon deutlich ist
- Häufig im Alter: Wie oft, ist schwer zu sagen, weil Studien Kontrakturen sehr unterschiedlich messen. Bei älteren Krankenhauspatienten reichen die Angaben internationaler Studien von 15 bis über 70 von 100, bei Pflegeheimbewohnern in den USA von 25 bis 80 von 100 (Krankenhaus: Übersicht von Gnass 2010; Pflegeheime: Müller 2015)
Wer gefährdet ist
Das Risiko steigt immer dann, wenn ein Gelenk kaum noch bewegt wird – sei es, weil der Mensch es nicht kann, nicht will oder weil es wehtut.
- Bettlägerigkeit und Bewegungsmangel, etwa nach einem Sturz, einer Operation oder bei langer Krankheit
- Lähmungen und Spastik, vor allem nach einem Schlaganfall, bei Parkinson oder Multipler Sklerose
- Schmerzen – bei Arthrose, Rheuma, Gicht oder nach Knochenbrüchen. Wer Schmerzen hat, nimmt eine Schonhaltung ein und bewegt das Gelenk nicht mehr ganz
- Wenn die Mitwirkung schwerfällt: bei fortgeschrittener Demenz, Depression oder Bewusstseinsstörungen
- Beruhigende und dämpfende Medikamente – siehe Medikamente im Alter
- Fixierungen wie Gurte oder Bettgitter, die die Bewegung einschränken – siehe Fixierungsfreie Pflege
- Narben, etwa nach Verbrennungen, die über einem Gelenk schrumpfen
Früh erkennen
Eine beginnende Kontraktur fällt meist nicht bei einer Untersuchung auf, sondern im Alltag. Achten Sie darauf, ob gewohnte Bewegungen plötzlich nicht mehr gehen:
- Der Arm lässt sich beim Anziehen nicht mehr über den Kopf heben oder nicht mehr in den Ärmel führen
- Das Bein lässt sich im Bett nicht mehr ganz ausstrecken, die Knie bleiben angewinkelt
- Die Hand bleibt geschlossen, die Finger lassen sich nur schwer öffnen
- Der Fuß lässt sich nicht mehr flach aufsetzen
- Bewegung tut weh oder wird abgewehrt, sobald das Gelenk weiter gebeugt oder gestreckt werden soll
- Die Haltung im Bett oder im Rollstuhl ist immer dieselbe
Wer so etwas bemerkt, sollte es früh ansprechen – beim Hausarzt, beim Pflegedienst oder bei der Pflegefachkraft im Heim. Je länger eine Kontraktur besteht, desto schwerer lässt sie sich beeinflussen.
Was eine Kontraktur im Alltag bedeutet
Eine Kontraktur ist mehr als ein steifes Gelenk. In einer deutschen Studie mit älteren Menschen in Pflegeheimen und geriatrischen Rehakliniken nannten über 9 von 10 Betroffenen Probleme beim Treppensteigen, beim Gehen längerer Strecken und beim Knien.
- Selbstständigkeit geht verloren: Gehen, Aufstehen, Anziehen, Waschen und Essen werden mühsamer oder gehen nicht mehr allein
- Schmerzen und eine höhere Sturzgefahr
- Weniger Teilhabe: Wer schlecht gehen oder sitzen kann, kommt seltener vor die Tür und zu anderen Menschen
- Mehr Pflegeaufwand: Körperpflege, Anziehen und Umlagern werden schwieriger – für die Betroffenen oft auch schmerzhafter
Was hilft – und was weniger bringt als gedacht
Lange galt: Wer jedes Gelenk täglich durchbewegt und dehnt, verhindert Kontrakturen. Die Forschung zeichnet inzwischen ein nüchterneres Bild.
- Dehnen allein bringt wenig: Eine große Cochrane-Übersicht mit 49 Studien und über 2.100 Teilnehmenden kam 2017 zu dem Ergebnis, dass regelmäßiges Dehnen über einen Zeitraum von bis zu sieben Monaten die Beweglichkeit eines Gelenks nicht in einem Maß verbessert, das im Alltag spürbar wäre – bei Menschen mit und ohne neurologische Erkrankung. Längere Zeiträume hat keine der Studien untersucht
- Lagerung und Schienen allein zeigten in Studien kaum Wirkung auf die Beweglichkeit. Für passives Durchbewegen fehlt bisher ein Nachweis, dass es Kontrakturen verhindert – gut untersucht ist es nicht
- Ein Programm, das gezielt Alltag und Teilhabe fördern sollte, wurde 2018 bis 2020 in 35 deutschen Pflegeheimen mit 562 Bewohnerinnen und Bewohnern geprüft. Nach zwölf Monaten war kein bedeutsamer Unterschied zu einer verbesserten Standardversorgung zu sehen
Das heißt nicht, dass man nichts tun kann. Es heißt: Ein einzelnes Übungsprogramm, das Kontrakturen sicher verhindert, gibt es bisher nicht. Sinnvoll bleibt, was den ganzen Menschen in Bewegung hält:
- Bewegung im Alltag erhalten: Gehen, Aufstehen, Treppensteigen, selbst anziehen und waschen. Der Expertenstandard zur Förderung der Mobilität nennt körperliche Aktivität und Bewegungsübungen als zentrale Maßnahmen
- Schmerzen behandeln, damit Bewegung überhaupt möglich ist – siehe Schmerz im Alter
- Die Position oft wechseln – im Bett, im Sessel, im Rollstuhl. Immer dieselbe gebeugte Haltung ist das eigentliche Risiko
- Ursachen angehen: dämpfende Medikamente überprüfen lassen, Fixierungen vermeiden, Spastik behandeln lassen
Was ein Mensch selbst tun kann, soll er selbst tun – auch wenn es länger dauert. Passives Durchbewegen ist nicht verboten und kann angenehm sein, ersetzt aber keine eigene Bewegung.
Bei Spastik, etwa nach einem Schlaganfall
Nach einem Schlaganfall, bei Multipler Sklerose oder anderen Schäden von Gehirn und Rückenmark können Muskeln dauerhaft angespannt bleiben. Diese Spastik zieht Gelenke in eine feste Stellung – typisch sind der angewinkelte Arm und die geschlossene Faust. Die Spastik entwickelt sich meist erst Wochen bis Monate nach dem Ereignis.
- Spritzen mit Botulinumtoxin in die betroffenen Muskeln empfiehlt die Leitlinie zur Therapie der Spastik, wenn die Spastik auf bestimmte Muskeln oder Körperregionen begrenzt ist und im Alltag, bei der Pflege oder durch Schmerzen deutlich stört – oder wenn sonst Folgeschäden wie Kontrakturen oder Druckgeschwüre drohen. Sie haben in der Regel ein besseres Verhältnis von Nutzen und Risiko als Tabletten gegen Spastik. Sie lockern die Muskeln und erleichtern Pflege und Bewegung, lindern oft Schmerzen – den aktiven Gebrauch von Arm und Hand verbessern sie aber meist nicht. Die Wirkung hält nur begrenzt an; die Behandlung wird bei Bedarf wiederholt
- Lagerung in einer möglichst schmerzfreien Dehnstellung, bei Bedarf mit Schienen, gehört dazu – reicht aber allein nicht aus
- Gipsserien und Schienen können – am besten zusammen mit Botulinumtoxin – die Beweglichkeit verbessern, wenn ein Gelenk sich schon nicht mehr frei bewegen lässt. Unter Gips und Schiene können Druckstellen und Nervenschäden entstehen: Haut, Finger oder Zehen beobachten und Schmerzen, Taubheit oder Verfärbung sofort melden
Bei Spastik lohnt es sich, nach einer Überweisung zu einer neurologischen Praxis oder Klinik mit Erfahrung in der Spastikbehandlung zu fragen. Mehr zum Schlaganfall unter Schlaganfall.
Physiotherapie und Ergotherapie
Physiotherapie und Ergotherapie verordnet der Arzt als Heilmittel; die Krankenkasse übernimmt die Kosten bis auf die gesetzliche Zuzahlung (10 Prozent der Kosten und 10 Euro je Verordnung).
- Hausbesuch: Kann jemand die Praxis aus medizinischen Gründen nicht aufsuchen, kann der Arzt die Behandlung als Hausbesuch verordnen.
- Therapeuten zeigen Angehörigen und Pflegekräften, welche Bewegungen und Positionen im Alltag passen – aus der Pflegepraxis: das ist oft der wichtigste Teil der Therapie
- Hilfsmittel wie Schienen, Lagerungskissen oder Greifhilfen gehören in fachkundige Hände: anpassen lassen und nur nach Anleitung einsetzen
Was Angehörige und Pflegende tun können
- Alltag als Training nutzen: selbst anziehen, kämmen, waschen, Tisch decken – lieber helfen als abnehmen
- Jeden Tag aufstehen und ein paar Schritte gehen, wenn das möglich ist – auch mit Rollator oder Begleitung
- Mehrmals am Tag die Position wechseln: nicht stundenlang mit angewinkelten Beinen im Sessel oder im Bett
- Vor Bewegung an Schmerzmittel denken, wenn sie verordnet sind – Bewegung, die wehtut, wird gemieden
- Nie mit Kraft gegen einen Widerstand drücken oder ein Gelenk über den Schmerz hinaus bewegen. Besonders die Schulter ist empfindlich und kann dabei verletzt werden
- Veränderungen früh melden: ein Gelenk, das sich nicht mehr ganz strecken lässt, ist ein Grund, Arzt oder Pflegedienst anzusprechen
- Medikamente ansprechen, die müde oder benommen machen – beim nächsten Medikamenten-Check beim Hausarzt
Kontrakturen in der Pflege – worauf Pflegekräfte achten
- Risiko einschätzen bei Versorgungsbeginn, in individuell festgelegten Abständen, bei jeder deutlichen Zustandsänderung und bei Verlegungen – gefährdete Gelenke konkret benennen
- Beginnende oder bestehende Kontrakturen mit genauer Lage dokumentieren und den Arzt informieren
- Mobilität fördern nach dem Expertenstandard „Erhaltung und Förderung der Mobilität in der Pflege“. Der Standard zählt Mobilisation ohne aktive Beteiligung nicht als mobilitätsfördernde Maßnahme. Daraus folgt der Praxis-Grundsatz: aktiv vor assistiv vor passiv, im natürlichen Bewegungsausmaß, nie gegen Schmerz
- Positionen wechseln mit Kissen, Keilen und Rollen – in Funktionsstellung (zum Beispiel Knie und Hüfte möglichst gestreckt), bei Spastik in schmerzfreier Dehnstellung
- Haut in gebeugten Gelenken pflegen: Handinnenfläche, Ellenbeuge und Kniekehle sauber und trocken halten – siehe Intertrigoprophylaxe
- Physio- und Ergotherapie einbinden und deren Hinweise in die Pflegeplanung übernehmen – Formulierungshilfen unter Pflegeplanung
- Mehr zur Kontrakturenprophylaxe im Überblick unter Prophylaxen
Videos zum Thema
- Kontrakturen vorbeugen (2026)
- Kontrakturen (2016)
Das Video von 2016 ist älter als diese Seite; einzelne Angaben darin können überholt sein. Maßgeblich ist der Text hier.
Häufige Fragen
Was ist eine Kontraktur?
Eine dauerhafte Bewegungseinschränkung eines Gelenks. Werden Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenkkapsel lange nicht mehr bewegt, verkürzen sie sich. Das Gelenk bleibt meist in einer gebeugten Stellung und kann im schlimmsten Fall ganz steif werden.
Woran erkenne ich eine beginnende Kontraktur?
Meist im Alltag: Der Arm lässt sich beim Anziehen nicht mehr ganz heben, das Knie im Bett nicht mehr ganz strecken, die Hand nicht mehr richtig öffnen oder der Fuß nicht mehr flach aufsetzen. Auch Schmerzen oder Abwehr bei Bewegung können ein Zeichen sein.
Hilft tägliches Durchbewegen gegen Kontrakturen?
Weniger, als lange angenommen. Eine Cochrane-Übersicht von 2017 fand, dass Dehnen über bis zu sieben Monate die Beweglichkeit nicht spürbar verbessert. Lagerung und Schienen allein zeigten kaum Wirkung; für passives Durchbewegen fehlt ein Wirksamkeitsnachweis. Wichtiger ist, dass der Mensch sich im Alltag selbst bewegt, Schmerzen behandelt werden und die Position oft wechselt.
Kann man eine Kontraktur wieder rückgängig machen?
Je länger sie besteht, desto schwerer. Eine Kontraktur kann dauerhaft werden. Bei Spastik, etwa nach einem Schlaganfall, können Spritzen mit Botulinumtoxin zusammen mit Gipsserien und Schienen die Beweglichkeit verbessern – das entscheidet ein Facharzt.
Wer bezahlt Physiotherapie zu Hause?
Physiotherapie und Ergotherapie sind Heilmittel. Der Arzt verordnet sie, die Krankenkasse zahlt – bis auf die gesetzliche Zuzahlung von 10 Prozent der Kosten und 10 Euro je Verordnung. Kann jemand die Praxis aus medizinischen Gründen nicht aufsuchen, kann der Arzt einen Hausbesuch verordnen.
Warum bekommen gerade Menschen mit Schlaganfall Kontrakturen?
Nach einem Schlaganfall sind oft Arm oder Bein gelähmt, und häufig entwickelt sich nach Wochen bis Monaten eine Spastik. Die dauerhaft angespannten Muskeln ziehen Gelenke in eine feste Stellung, typisch am Arm und an der Hand. Hier hilft vor allem eine gezielte Spastikbehandlung, etwa mit Botulinumtoxin; Lagerung und Schienen ergänzen sie, reichen allein aber nicht aus.
Passend dazu
Kontrakturenprophylaxe · Knochen & Gelenke · Schlaganfall · Stürze & Sturzangst · Schmerz im Alter · Fixierungsfreie Pflege
Quellen
Neben meiner Erfahrung aus über 20 Jahren Altenpflege beruht diese Seite auf den folgenden Fachquellen. Die Links führen zum jeweiligen Original.
- Expertenstandard nach § 113a SGB XI „Erhaltung und Förderung der Mobilität in der Pflege“ – DNQP im Auftrag des Qualitätsausschusses Pflege, 1. Aktualisierung 2020
- Harvey LA u. a.: Stretch for the treatment and prevention of contractures – Cochrane Database of Systematic Reviews, 2017
- Nguyen N u. a.: Effectiveness of an individually tailored complex intervention to improve activities and participation in nursing home residents with joint contractures (JointConEval): a multicentre pragmatic cluster-randomised controlled trial – BMJ Open, 2023
- Müller M u. a.: Developing and piloting a multifactorial intervention to address participation and quality of life in nursing home residents with joint contractures (JointConImprove): study protocol – GMS German Medical Science, 2015
- Gnass I u. a.: Erworbene Kontrakturen der Gelenke im höheren Lebensalter. Eine systematische Literaturübersicht – Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 2010
- Bartoszek G u. a.: Impact of joint contracture on older persons in a geriatric setting – Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 2015
- S2k-Leitlinie Therapie des spastischen Syndroms – Deutsche Gesellschaft für Neurologie und Deutsche Gesellschaft für Neurorehabilitation, AWMF-Register 030-078, Version 6.1, Stand 12/2024, gültig bis 11/2029
- Orientierungshilfe zur Kontrakturenprophylaxe in der Pflege – Landespflegeausschuss des Freistaates Sachsen, 2009
- Heilmittel-Richtlinie – Gemeinsamer Bundesausschuss, Fassung in Kraft seit 05.08.2025
- § 61 SGB V – Zuzahlungen – Sozialgesetzbuch V, Satz 3: Zuzahlung bei Heilmitteln
Tobias Hoffmann – examinierter Pfleger, seit über 20 Jahren in der Altenpflege, Praxisanleiter und Qualitätsbeauftragter. Mehr über mich und woher die Inhalte kommen