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Chronische Wunden und offenes Bein (Ulcus cruris)

Eine Wunde am Unterschenkel, die seit Wochen nicht zugeht. Ein Loch am Fuß, das kaum wehtut und trotzdem immer größer wird. Chronische Wunden sind im Alter häufig, und hinter fast jeder steckt eine Grunderkrankung: kranke Venen, verengte Arterien, Diabetes oder anhaltender Druck. Diese Seite erklärt, welche Arten es gibt, warum die Ursache wichtiger ist als der Verband, wann Kompression hilft und wann sie schadet – und was Angehörige und Pflegekräfte tun können.

Was ist eine chronische Wunde?

Der Expertenstandard „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden“ nennt eine Wunde chronisch, wenn sie innerhalb von acht Wochen nicht abgeheilt ist. Anders als ein Schnitt oder eine Schürfwunde heilt sie nicht von selbst, weil etwas im Körper die Heilung dauerhaft stört.

Die häufigsten Arten

Seltener stecken Hautkrankheiten, Gefäßentzündungen oder Tumoren dahinter. Auch deshalb gehört jede Wunde, die nicht heilt, ärztlich abgeklärt.

Venös oder arteriell – der entscheidende Unterschied

Die Unterscheidung ist wichtig, weil die Behandlung fast entgegengesetzt ist: Beim venösen Bein ist Kompression die Grundlage der Therapie, beim arteriellen Bein kann zu starker Druck das Gewebe zusätzlich schädigen.

Sicher unterscheiden kann man das nur mit einer Untersuchung. Die Leitlinie zum venösen offenen Bein empfiehlt, neben dem Tasten der Fußpulse den Knöchel-Arm-Index zu messen: Dabei wird der Blutdruck am Knöchel mit dem am Arm verglichen. Liegt der Wert bei 0,9 oder darunter, sind die Beinarterien verengt. Verkalkte Gefäße, wie sie vor allem bei Diabetes vorkommen, können einen falsch hohen Wert vortäuschen – dann sind andere Messungen nötig, etwa am Zeh.

⚠️ Wann es eilt

Noch am selben Tag zum Arzt bei Zeichen einer Infektion: Rötung, die sich ausbreitet, Überwärmung, Schwellung, Eiter, deutlich stärkerer Geruch oder zunehmende Schmerzen.

Sofort den Notruf 112 bei Fieber oder Schüttelfrost mit plötzlicher Verwirrtheit, schwerem Krankheitsgefühl oder schneller Atmung – das kann eine Blutvergiftung sein. Ebenso, wenn ein Bein oder Fuß plötzlich kalt, blass und sehr schmerzhaft wird. (Praxis-Hinweis: allgemeine Notfallzeichen, nicht aus den unten genannten Wund-Leitlinien.)

Behandlung: die Ursache zuerst

Der wichtigste Satz zu chronischen Wunden: Kein Verband heilt eine Wunde, deren Ursache nicht behandelt wird. Die Leitlinie zur Lokaltherapie chronischer Wunden verlangt deshalb, dass vor der Wundbehandlung die Ursache abgeklärt ist oder die Abklärung zumindest eingeleitet wird.

🔎 Sechs Wochen ohne Fortschritt? Heilt ein venöses offenes Bein trotz richtiger Behandlung nach sechs Wochen nicht besser, sollen Diagnose und Behandlung laut Leitlinie neu überprüft werden – auch, ob die Kompression wirklich täglich richtig sitzt. Ist die Ursache unklar, wird eine Gewebeprobe empfohlen; bei Verdacht auf einen Tumor sofort.

Kompression beim offenen Bein

Beim venösen offenen Bein ist Kompression die wichtigste Behandlung. Der Druck von außen hilft den Venen, das Blut zurück zum Herzen zu transportieren, die Schwellung geht zurück, die Wunde kann heilen.

Wann Kompression nicht erlaubt ist: bei stark verengten Beinarterien – laut Leitlinie zur Kompressionstherapie etwa bei einem Knöchel-Arm-Index unter 0,5 oder einem Blutdruck am Knöchel unter 60 mmHg – bei schwerer, nicht ausgeglichener Herzschwäche und bei einigen seltenen schweren Venenerkrankungen. Bei starken Gefühlsstörungen in den Beinen, etwa durch Diabetes, wird sorgfältig abgewogen.

Gemischte Wunde heißt nicht: keine Kompression. Die Leitlinie warnt ausdrücklich, dass der Begriff „gemischtes Ulcus“ im Alltag oft dazu führt, dass die Kompression ohne Grund weggelassen wird. Ob und wie stark komprimiert wird, entscheidet der Arzt nach der Durchblutungsmessung.

Die Wundversorgung

Die Leitlinie zur Lokaltherapie schwer heilender Wunden gibt klare Regeln vor:

Aus der Pflegepraxis gilt außerdem: keine Hausmittel – kein Puder, keine Salben auf eigene Faust, nichts Selbstgemischtes.

Welche Wundauflage passt, richtet sich nach der Wunde: wie viel Flüssigkeit sie abgibt, wie empfindlich sie ist, wie gut ein Verband hält. Die teuerste Auflage ist nicht automatisch die beste.

Bewegung hilft heilen

Beim venösen Bein arbeitet die Wadenmuskulatur wie eine Pumpe: Bei jedem Schritt drückt sie das Blut aus den Beinvenen nach oben. Ein gut bewegliches Sprunggelenk senkt deshalb das Risiko für ein offenes Bein. Wer dagegen weniger als 200 Meter am Tag geht, heilt laut einer in der Leitlinie zitierten Studie langsamer.

Ist das Sprunggelenk schon steif, bekommt die Wadenpumpe keinen Schwung mehr. Wie man dem vorbeugt, steht unter Kontrakturen.

Wer versorgt, wer zahlt?

Fragen Sie beim Hausarzt oder bei der Krankenkasse nach, welche Pflegedienste in der Nähe auf Wunden spezialisiert sind oder wo es eine Wundsprechstunde gibt.

Nach dem Abheilen: Rückfall vermeiden

Ein abgeheiltes offenes Bein ist kein geheiltes Venenleiden. Die Leitlinie nennt eine Rückfallrate von bis zu 70 von 100 innerhalb von sechs Monaten nach dem Abheilen. Einer der wichtigsten Gründe: Die Kompression wird nach dem Abheilen nicht weitergeführt.

Was Angehörige und Pflegende tun können

Chronische Wunden in der Pflege – worauf Pflegekräfte achten

Der Expertenstandard „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden“ (2. Aktualisierung 2025) gliedert die Versorgung in fünf Schritte:

Praktisch heißt das außerdem: Schmerzen standardisiert erfassen, die Wunde – aus der Pflegepraxis – erst nach der Reinigung fotografieren und vermessen, Kompression nie ohne ärztliche Klärung der Durchblutung anlegen und Druckentlastung bei Dekubitus und diabetischem Fuß konsequent umsetzen. Mehr zum Druckgeschwür unter Dekubitus.

Häufige Fragen

Ab wann ist eine Wunde chronisch?

Nach dem Expertenstandard „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden“, wenn sie innerhalb von acht Wochen nicht abgeheilt ist. Meist steckt eine Grunderkrankung dahinter, etwa kranke Venen, verengte Arterien oder Diabetes.

Was ist ein offenes Bein?

Eine chronische Wunde am Unterschenkel, Fachbegriff Ulcus cruris. Die häufigste Ursache ist eine langjährige Venenschwäche, seltener verengte Arterien oder beides zusammen. Davon hängt ab, wie behandelt wird.

Warum muss vor der Kompression die Durchblutung gemessen werden?

Weil bei stark verengten Beinarterien Kompression das Gewebe zusätzlich schädigen kann. Die Leitlinie zur Kompressionstherapie nennt als Grenze unter anderem einen Knöchel-Arm-Index unter 0,5 oder einen Blutdruck am Knöchel unter 60 mmHg. Deshalb wird vorher der Knöchel-Arm-Index gemessen.

Darf man eine chronische Wunde mit Leitungswasser ausspülen?

Die Leitlinie zur Lokaltherapie chronischer Wunden empfiehlt für Wunden ohne Infektionszeichen sterile Lösungen ohne Wirkstoff, weil nicht steriles Wasser Keime in die Wunde bringen kann. Was im Einzelfall verwendet wird, legt der Arzt oder der Wundexperte fest.

Muss ich nach dem Abheilen weiter Kompressionsstrümpfe tragen?

In der Regel ja, so lange der Arzt es verordnet. Bis zu 70 von 100 venösen offenen Beinen brechen innerhalb von sechs Monaten nach dem Abheilen wieder auf, und einer der wichtigsten Gründe ist, dass die Kompression nach dem Abheilen weggelassen wird.

Wer bezahlt die Wundversorgung zu Hause?

Die Krankenkasse – als häusliche Krankenpflege auf ärztliche Verordnung, auch ohne Pflegegrad, wenn die Betroffenen es nicht selbst können und auch niemand im Haushalt die Versorgung übernehmen kann. Chronische und schwer heilende Wunden sollen von spezialisierten Leistungserbringern mit qualifizierten Pflegefachkräften versorgt werden.

Passend dazu

Dekubitus · Diabetischer Fuß · Thrombose · Herz-Kreislauf · Die Haut · Kontrakturen

Quellen

Neben meiner Erfahrung aus über 20 Jahren Altenpflege beruht diese Seite auf den folgenden Fachquellen. Die Links führen zum jeweiligen Original.

  1. Expertenstandard Pflege von Menschen mit chronischen Wunden – 2. Aktualisierung 2025 (Auszug) – Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)
  2. S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Ulcus cruris venosum – Deutsche Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie u. a., AWMF-Register 037-009, Version 4.0, 2024
  3. S2k-Leitlinie Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten – Deutsche Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie u. a., AWMF-Register 037-005, Version 5.0, 2026
  4. S3-Leitlinie Lokaltherapie schwerheilender und/oder chronischer Wunden aufgrund von pAVK, Diabetes mellitus oder chronischer venöser Insuffizienz – Deutsche Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung u. a., AWMF-Register 091-001, Version 2.2, 2023
  5. Häusliche Krankenpflege: Versorgungsangebot für Wundbehandlung wird gestärkt – Gemeinsamer Bundesausschuss, Pressemitteilung vom 15.08.2019
  6. Häusliche Krankenpflege-Richtlinie – Gemeinsamer Bundesausschuss
  7. UlcusCrurisCare: Patienteninformation Bewegung – Universitätsklinikum Heidelberg, Projekt des Innovationsfonds beim G-BA
  8. § 37 SGB V – Häusliche Krankenpflege – Sozialgesetzbuch V, Absätze 2, 3 und 7: Anspruch, Haushalt, chronische Wunden

Tobias Hoffmann – examinierter Pfleger, seit über 20 Jahren in der Altenpflege, Praxisanleiter und Qualitätsbeauftragter. Mehr über mich und woher die Inhalte kommen

Stand: Oktober 2026. Diese Seite wird wöchentlich auf Änderungen geprüft – so arbeite ich. Angaben zu Geldbeträgen und Rechtsgrundlagen ohne Gewähr – im Zweifel gilt die Auskunft Ihrer Pflegekasse.