Pflege – kurz und leicht erklärt

Verständliches Wissen rund um Pflege, Krankheit und Alter

Schrift

Stürze & Sturzangst

Jeder dritte Mensch über 65 stürzt einmal im Jahr, über 80 sogar jeder zweite. Ein Sturz ist trotzdem kein Schicksal: Er hat Ursachen, die man findet, und Risiken, die man senken kann. Diese Seite erklärt, was wirklich vorbeugt – und warum Schonung der größte Fehler ist. Wie Muskeln und Gleichgewicht im Alter zusammenwirken, steht unter Knochen & Gelenke.

Warum Stürze im Alter so viel entscheiden

Etwa jeder dritte Mensch über 65 stürzt mindestens einmal im Jahr, bei den über 80-Jährigen ist es rund jeder zweite. Die meisten Stürze gehen glimpflich aus. Aber die, die es nicht tun, verändern ein Leben: Ein Oberschenkelhalsbruch bedeutet Operation, Krankenhaus, Reha – und für viele Betroffene den Punkt, an dem das selbstständige Wohnen endet.

Der eigentliche Schaden entsteht dabei oft nicht durch den Bruch, sondern durch das, was danach passiert: Wochen der Schonung, Muskelabbau, Unsicherheit, Rückzug – und daraus ein deutlich erhöhtes Risiko für den nächsten Sturz.

Der wichtigste Satz dieser Seite: Ein Sturz ist kein Schicksal und keine Alterserscheinung. Er hat Ursachen, die man findet – und die man in den allermeisten Fällen behandeln kann.

Die Sturzangst – der Schaden, den niemand sieht

Nach einem Sturz entsteht bei vielen Menschen eine tiefe Angst vor dem nächsten. Sie bewegen sich weniger, meiden Treppen, gehen nicht mehr raus, halten sich überall fest. Das wirkt vernünftig und ist genau das Gegenteil.

Schonung ist der stärkste Sturzrisikofaktor

Weniger Bewegung → weniger Muskelkraft → schlechteres Gleichgewicht → höheres Sturzrisiko → mehr Angst → noch weniger Bewegung. Dieser Kreis dreht sich in Wochen, nicht in Jahren.

Angst vor dem nächsten Sturz weniger Bewegung weniger Muskelkraft schlechteres Gleichgewicht höheres Sturzrisiko ein Sturz dreht sich in Wochen, nicht in Jahren Ausweg: Training unter Anleitung Physiotherapie oder Sturzpräventionsgruppe
Schonung wirkt vernünftig und ist das Gegenteil: Sie macht den nächsten Sturz wahrscheinlicher.

Sturzangst ist außerdem ein eigenständiges Problem: Sie führt zu Rückzug, Vereinsamung und depressiven Verstimmungen – siehe Altersdepression. Sie gehört deshalb angesprochen, auch wenn niemand von selbst darüber redet.

Was hilft: nicht Beruhigung, sondern Erfahrung. Wer unter Anleitung merkt, dass er sicher gehen kann, verliert die Angst. Genau dafür sind Physiotherapie und Sturzpräventionsgruppen da.

Woran es liegt – die Ursachen im Überblick

Fast immer kommen mehrere Faktoren zusammen. Je mehr davon zutreffen, desto höher das Risiko – und desto mehr Ansatzpunkte gibt es.

Im Menschen selbst

Durch Medikamente

Dieser Punkt wird am häufigsten übersehen und lässt sich am schnellsten ändern. Als sturzfördernd gelten vor allem:

In der Umgebung

Was nachweislich wirkt

Nicht alles, was gut gemeint ist, hilft. Diese Maßnahmen sind belegt – in ungefährer Reihenfolge ihrer Wirksamkeit:

1. Kraft- und Gleichgewichtstraining

Das ist die wirksamste Einzelmaßnahme überhaupt, und sie funktioniert bis ins hohe Alter. Muskeln lassen sich mit 85 noch aufbauen. Wichtig ist, dass beides trainiert wird – Kraft und Gleichgewicht – und dass es regelmäßig über Monate geschieht. Mindestens dreimal pro Woche über wenigstens drei Monate – darunter passiert wenig. Wer länger dranbleibt, profitiert mehr.

2. Medikamente überprüfen lassen

Ein strukturierter Medikamenten-Check beim Hausarzt oder in der Apotheke – mit der Frage: „Welches dieser Mittel erhöht das Sturzrisiko, und kann etwas davon weg oder niedriger dosiert werden?“ Besonders Schlafmittel. Nie eigenmächtig absetzen, gerade Benzodiazepine müssen langsam ausgeschlichen werden.

3. Sehen und Hören prüfen

Jährlicher Augenarztbesuch, aktuelle Brille. Eine Operation des Grauen Stars senkt das Sturzrisiko nachweislich. Bei Gleitsichtbrillen lohnt eine zusätzliche Einstärkenbrille fürs Gehen draußen. Mehr unter Hören & Sehen.

4. Vitamin D und Ernährung

Bei nachgewiesenem Mangel oder bei Menschen, die kaum ins Freie kommen, ist eine Vitamin-D-Gabe sinnvoll – in ärztlich festgelegter Dosis, nicht nach Gutdünken. Genauso wichtig: genug Eiweiß für den Muskelerhalt, siehe Mangelernährung.

5. Die Wohnung anpassen

Am wirksamsten, wenn es jemand mit Fachblick vor Ort macht – Ergotherapie, Pflegeberatung oder Wohnberatungsstelle. Die Kosten für Umbauten trägt zu großen Teilen die Pflegekasse, siehe Wohnung anpassen.

6. Hüftprotektoren – bei hohem Risiko

Spezielle Unterhosen mit seitlichen Schalen können Oberschenkelhalsbrüche verhindern. Sie helfen aber nur, wenn sie getragen werden – auch nachts. Für Menschen mit sehr hohem Risiko und bekannter Osteoporose einen Versuch wert.

Die Wohnung sicher machen – Raum für Raum

Überall

Bad – der häufigste Unfallort

Schlafzimmer und der Weg zur Toilette

Küche und Treppe

Schuhe – unterschätzt

Festes, geschlossenes Schuhwerk mit rutschfester Sohle und flachem Absatz, das den Fuß hält. Keine ausgelatschten Pantoffeln, keine Strümpfe auf glatten Böden, keine Stoppersocken als Dauerlösung. Das ist eine der billigsten wirksamen Maßnahmen überhaupt.

⚠️ Nach einem Sturz – was zu tun ist

Nicht sofort hochziehen. Erst prüfen, dann helfen:

Immer ärztlich abklären lassen bei:

Für den Ernstfall vorsorgen

Was Angehörige und Pflegende tun können

🖨️ Merkblatt zum Mitnehmen: Die Warnzeichen und das Wichtigste für Angehörige auf einer Seite – zum Ausdrucken für den Kühlschrank oder zum Weitergeben. Merkblatt als PDF

Passend dazu

Knochen & Gelenke · Osteoporose · Hilfsmittel · Wohnung anpassen · Medikamente im Alter · Hören & Sehen · Pflege zu Hause

⚕️ Diese Erklärungen ersetzen keinen Arztbesuch. Nach jedem Sturz mit Kopfanprall unter blutverdünnender Medikation sollte ärztlich abgeklärt werden – auch wenn es der Person gut geht. Medikamente niemals eigenmächtig absetzen.

Quellen

Neben meiner Erfahrung aus über 20 Jahren Altenpflege beruht diese Seite auf den folgenden Fachquellen. Die Links führen zum jeweiligen Original.

  1. Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege – DNQP, 2. Aktualisierung 2022
  2. World guidelines for falls prevention and management for older adults – Montero-Odasso M. et al., Age and Ageing 2022;51:afac205
  3. § 40 SGB XI – Pflegehilfsmittel und wohnumfeldverbessernde Maßnahmen

Tobias Hoffmann – examinierter Pfleger, seit über 20 Jahren in der Altenpflege, Praxisanleiter und Qualitätsbeauftragter. Mehr über mich und woher die Inhalte kommen

Stand: Oktober 2026. Diese Seite wird wöchentlich auf Änderungen geprüft – so arbeite ich.