Herzschwäche (Herzinsuffizienz)
Mehr als jeder zehnte Mensch über 70 hat eine Herzschwäche. Sie beginnt oft unbemerkt: Die Treppe wird mühsamer, abends sind die Knöchel dick, nachts muss man öfter zur Toilette. Heilen lässt sich eine chronische Herzschwäche meist nicht – aber mit der richtigen Behandlung und ein paar festen Gewohnheiten lassen sich Beschwerden lindern und viele Verschlechterungen früh abfangen. Diese Seite erklärt, woran man eine Herzschwäche erkennt, was im Alltag wirklich zählt und worauf Angehörige und Pflegekräfte achten. Wie das Herz arbeitet, steht unter Das Herz.
Was ist eine Herzschwäche?
Bei einer Herzschwäche pumpt das Herz nicht mehr genug Blut durch den Körper. Meist ist sie die Folge einer anderen Erkrankung, die Herzmuskel oder Gefäße geschädigt hat: einer koronaren Herzkrankheit oder eines Herzinfarkts, eines jahrelang erhöhten Blutdrucks, eines Herzklappenfehlers oder von Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern.
- Chronisch oder akut: Die chronische Herzschwäche entwickelt sich langsam über Monate und Jahre. Eine akute Herzschwäche tritt plötzlich auf, etwa bei einem großen Herzinfarkt – das ist ein Notfall
- Linke oder rechte Herzhälfte: Ist vor allem die linke Herzhälfte geschwächt, staut sich das Blut zurück in die Lunge – typisch sind Atemnot und Husten. Ist die rechte betroffen, wird Wasser ins Gewebe gedrückt und lagert sich vor allem in den Beinen ein. Oft sind beide Seiten beteiligt
- Schwacher oder steifer Herzmuskel: Bei einem Teil der Betroffenen ist die Pumpkraft verringert. Bei anderen ist der Herzmuskel noch kräftig, aber steif und füllt sich schlecht. Fachleute sprechen von verringerter oder erhaltener Auswurfleistung (Ejektionsfraktion). Der Unterschied ist wichtig, weil sich danach die Medikamente richten
Warnzeichen
Die typischen Beschwerden kommen schleichend und werden im Alter leicht für „normale Alterserscheinungen“ gehalten:
- Atemnot und Kurzatmigkeit – zuerst bei Belastung wie Treppensteigen, später schon bei kleinen Wegen oder in Ruhe
- Erschöpfung und rasche Ermüdung
- Geschwollene Knöchel, Füße oder Beine durch Wassereinlagerungen
- Gewichtszunahme in wenigen Tagen – das ist meist eingelagertes Wasser, kein Fett
- Husten, vor allem im Liegen oder nachts
- Häufiges nächtliches Wasserlassen
- Schneller Herzschlag
- Konzentrationsprobleme – bei älteren Menschen auch Verwirrtheit
Wer solche Beschwerden neu bemerkt oder merkt, dass sie zunehmen, sollte das ärztlich abklären lassen – und nicht abwarten, bis die Atemnot in Ruhe kommt.
Die vier Schweregrade
Wie schwer eine Herzschwäche ist, wird an der Belastbarkeit im Alltag gemessen. Ärzte sprechen von den NYHA-Stadien I bis IV:
| Grad | So zeigt es sich |
|---|---|
| I | Keine Beschwerden, aber bei Untersuchungen ist die Herzleistung verringert |
| II | Erschöpfung oder Atemnot erst bei stärkerer Belastung wie Treppensteigen oder Bergaufgehen |
| III | Beschwerden schon bei gewöhnlichen Tätigkeiten und leichter Anstrengung, etwa beim Gehen auf gerader Strecke |
| IV | Beschwerden in Ruhe oder bei geringsten Aktivitäten; manche Betroffene sind bettlägerig |
Der Grad kann sich verändern – nach einer Verschlechterung, aber auch zum Besseren, wenn die Behandlung greift. Bei fortgeschrittener Herzschwäche kann ein Pflegegrad berechtigt sein.
Wie wird die Diagnose gestellt?
- Gespräch und Untersuchung – Beschwerden, Vorerkrankungen, Medikamente; Abhören von Herz und Lunge, Blick auf Beine und Halsvenen
- EKG – Herzrhythmus und Herzströme
- Blutwerte – darunter das Herzhormon BNP oder NT-proBNP. Ein niedriger Wert macht eine Herzschwäche unwahrscheinlich; ein erhöhter Wert muss weiter abgeklärt werden
- Herzultraschall (Echokardiografie) – die wichtigste Untersuchung: Sie zeigt die Pumpkraft, die Herzklappen und die Größe der Herzkammern
Danach wird meist nach der Ursache gesucht, zum Beispiel nach verengten Herzkranzgefäßen – denn wer die Ursache behandelt, entlastet auch das Herz.
Behandlung
Eine chronische Herzschwäche wird vor allem mit Medikamenten behandelt. Bei verringerter Pumpkraft empfiehlt die Nationale VersorgungsLeitlinie eine Kombination aus vier Wirkstoffgruppen, die nachweislich den Verlauf verbessern:
- ACE-Hemmer (zum Beispiel Ramipril) oder ersatzweise ein Sartan, oder die Kombination Sacubitril/Valsartan
- Betablocker (zum Beispiel Bisoprolol oder Metoprololsuccinat)
- Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonisten (zum Beispiel Spironolacton)
- SGLT2-Hemmer (Dapagliflozin oder Empagliflozin)
Welche Mittel in welcher Reihenfolge und Dosis gegeben werden, richtet sich nach Nebenwirkungen, Begleiterkrankungen und Verträglichkeit. Die Dosis wird oft über Wochen langsam gesteigert.
Entwässerungstabletten (Diuretika) wie Torasemid oder Furosemid kommen dazu, wenn sich Wasser einlagert. Sie lindern Atemnot und Schwellungen. Laut Leitlinie soll regelmäßig geprüft werden, ob ihre Dosis wieder verringert werden kann – zu viel entwässert den Körper aus.
Je nach Ursache kommen weitere Behandlungen infrage, etwa eine Herzklappen-Operation oder ein spezieller Herzschrittmacher (CRT) beziehungsweise ein Defibrillator (ICD). Das entscheidet die Kardiologie gemeinsam mit den Betroffenen.
Täglich wiegen – die wichtigste Gewohnheit
Lagert der Körper Wasser ein, zeigt die Waage das oft, bevor die Beine anschwellen oder die Atemnot kommt. Tägliche Gewichtskontrollen können deshalb frühzeitig auf Wassereinlagerungen hinweisen – und oft reicht es dann, die Entwässerungstabletten anzupassen. So lässt sich manchmal ein Krankenhausaufenthalt vermeiden.
- Jeden Morgen nach dem ersten Toilettengang, vor dem Frühstück
- Unter gleichen Bedingungen: gleiche Waage, ähnliche Kleidung – zum Beispiel ohne Kleidung und ohne Schuhe
- Aufschreiben – im Heft, im Kalender oder im Pflegebericht
- Ab welcher Zunahme angerufen werden soll, mit dem Arzt vereinbaren und notieren
• mehr als 1 kg über Nacht
• mehr als 2 kg in 3 Tagen
• mehr als 2,5 kg in einer Woche
So steht es im Patientenblatt zur Nationalen VersorgungsLeitlinie. Hat der Arzt eine eigene Grenze festgelegt, gilt diese.
Trinken, Bewegung, Impfungen
- Trinkmenge: Bei einer fortgeschrittenen Herzschwäche ist es meist nötig, die tägliche Trinkmenge zu begrenzen. Wie viel, legt der Arzt fest. Ohne ärztliche Vorgabe nicht einfach weniger trinken – gerade im Alter droht sonst eine Austrocknung
- Bewegung: Schonung ist bei stabiler Herzschwäche nicht der richtige Weg. Regelmäßige, angepasste Bewegung wie Gehen oder Radfahren hilft. Es gibt eigene Herzsportgruppen, in denen Ausdauer- und Muskeltraining an die Belastbarkeit angepasst wird
- Impfungen: Infekte können eine Herzschwäche deutlich verschlechtern. Die Ständige Impfkommission empfiehlt Menschen mit Herz-Kreislauf-Krankheiten die jährliche Grippeimpfung – unabhängig vom Alter – und die Pneumokokken-Impfung. Ob auch Impfungen gegen COVID-19 und RSV anstehen, klärt der Hausarzt anhand der aktuellen Empfehlungen
- Schmerzmittel: Entzündungshemmende Schmerzmittel (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac können eine Herzschwäche verschlechtern und sind für Menschen mit Herzschwäche meist ungeeignet. Bei schwerer Herzschwäche dürfen sie nicht eingenommen werden, Diclofenac schon bei leichteren Formen nicht. Auch rezeptfreie Mittel vorher mit Arzt oder Apotheke absprechen – mehr unter Schmerz im Alter
- Rauchen aufgeben lohnt sich in jedem Alter
Notruf 112 bei plötzlicher, schwerer Atemnot in Ruhe, Erstickungsgefühl oder Atemnot, die sich im Sitzen nicht bessert, bei Brustschmerz, Ohnmacht oder neu auftretender starker Verwirrtheit. Wasser in der Lunge (Lungenödem) ist ein Notfall.
Noch am selben Tag zum Arzt, wenn die Atemnot schon bei geringer Belastung auftritt, die Beine deutlich dicker werden, das Gewicht über die vereinbarte Grenze steigt oder man nachts nur noch im Sitzen schlafen kann.
Was Angehörige und Pflegende tun können
- Beim täglichen Wiegen helfen und die Werte mit aufschreiben. Eine gut lesbare Waage und ein fester Platz für das Heft machen es leichter
- Auf Veränderungen achten: Wird der Weg zum Briefkasten mühsamer? Schläft der Vater neuerdings im Sessel? Sind die Schuhe abends zu eng? Solche Beobachtungen sind für den Arzt wertvoll
- Medikamente im Blick behalten: einen aktuellen Medikationsplan führen und zu jedem Arzttermin mitnehmen
- Mit zum Arzt gehen und vorher die Fragen aufschreiben – zum Beispiel, wie viel getrunken werden darf und ab welcher Gewichtszunahme man anrufen soll
- Bewegung ermutigen, nicht abnehmen – kurze Spaziergänge, Pausen einplanen
- Bei Hitze, Durchfall oder Erbrechen früh beim Arzt nachfragen: Mit Entwässerungstabletten kann der Körper dann schnell austrocknen
- Den Notfall besprechen, solange es ruhig ist: Wann wird 112 gerufen, wo liegen Medikamentenplan und Befunde? Hilfreich ist eine Notfallmappe
Herzschwäche in der Pflege – worauf Pflegekräfte achten
- Gewicht täglich zur gleichen Zeit und unter gleichen Bedingungen erfassen, dokumentieren und die ärztlich festgelegte Meldegrenze kennen
- Ödeme beobachten: Knöchel und Unterschenkel, bei bettlägerigen Menschen auch Kreuzbein und Rücken. Geschwollene Haut ist empfindlich – Dekubitus-Risiko beachten
- Atmung einschätzen: Atemfrequenz, Atemnot bei welcher Tätigkeit, Husten, Atemgeräusche. Bei Atemnot den Oberkörper hoch lagern
- Trinkmenge nur dann begrenzen und bilanzieren, wenn das ärztlich angeordnet ist – und dann über den Tag verteilen
- Vitalzeichen: Puls und Blutdruck, vor allem nach Dosisänderungen. Schwindel beim Aufstehen ist bei Entwässerung und Blutdrucksenkung häufig – Sturzgefahr
- Belastung dosieren: Pflege in Etappen mit Pausen, Mobilisation fördern statt ersetzen
- In der SIS festhalten, was die Person noch selbst kann, wann Atemnot auftritt und was ihr hilft – siehe SIS
- Veränderungen sofort melden: Gewichtszunahme über der Grenze, neue Atemnot, weniger Urin, Verwirrtheit
Bei weit fortgeschrittener Herzschwäche rückt die Linderung in den Vordergrund. Wie sich Atemnot, Angst und Unruhe am Lebensende lindern lassen, steht unter Palliativpflege.
Häufige Fragen
Ist eine Herzschwäche heilbar?
Eine chronische Herzschwäche lässt sich meist nicht heilen. Mit Medikamenten, die nachweislich den Verlauf verbessern, und mit festen Gewohnheiten wie dem täglichen Wiegen lassen sich die Beschwerden aber lindern und viele Verschlechterungen früh abfangen. Lässt sich die Ursache behandeln – etwa ein Klappenfehler –, kann sich die Herzleistung auch wieder bessern.
Wie viel darf man bei Herzschwäche trinken?
Das ist individuell und wird ärztlich festgelegt. Bei fortgeschrittener Herzschwäche ist es meist nötig, die Trinkmenge zu begrenzen. Ohne ärztliche Vorgabe sollte man nicht einfach weniger trinken, weil ältere Menschen sonst leicht austrocknen.
Warum soll man bei Herzschwäche täglich wiegen?
Weil eine schnelle Gewichtszunahme meist eingelagertes Wasser bedeutet – oft bevor Atemnot oder dicke Beine auffallen. Wer täglich morgens unter gleichen Bedingungen wiegt und die Werte notiert, bemerkt eine Verschlechterung früh und kann rechtzeitig den Arzt informieren.
Sind dicke Beine immer ein Zeichen für Herzschwäche?
Nein. Geschwollene Beine können viele Ursachen haben, zum Beispiel Venenschwäche, Nierenerkrankungen oder Medikamente wie manche Blutdrucksenker. Neu aufgetretene oder zunehmende Schwellungen gehören aber ärztlich abgeklärt – vor allem zusammen mit Atemnot oder Gewichtszunahme.
Darf man bei Herzschwäche Ibuprofen nehmen?
Meist nicht. Entzündungshemmende Schmerzmittel (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac können eine Herzschwäche verschlechtern. Bei schwerer Herzschwäche dürfen sie nicht eingenommen werden, Diclofenac schon bei leichteren Formen nicht. Jede Einnahme – auch rezeptfreier Mittel – vorher mit Arzt oder Apotheke absprechen.
Welche Impfungen sind bei Herzschwäche wichtig?
Die Ständige Impfkommission empfiehlt Menschen mit Herz-Kreislauf-Krankheiten die jährliche Grippeimpfung, unabhängig vom Alter, und die Impfung gegen Pneumokokken. Ob auch Impfungen gegen COVID-19 und RSV anstehen, klärt der Hausarzt anhand der aktuellen Empfehlungen.
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Quellen
Neben meiner Erfahrung aus über 20 Jahren Altenpflege beruht diese Seite auf den folgenden Fachquellen. Die Links führen zum jeweiligen Original.
- Nationale VersorgungsLeitlinie Chronische Herzinsuffizienz, Version 4 (2023), Kapitel 6: Medikamentöse Therapie – Bundesärztekammer, KBV, AWMF. Hinweis: Die übrigen Kapitel der NVL werden derzeit überarbeitet
- 2021 ESC Guidelines for the diagnosis and treatment of acute and chronic heart failure – European Society of Cardiology, European Heart Journal 2021
- Herzschwäche – Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de
- Formen der Herzschwäche – IQWiG
- Herzschwäche – Gesundheitsportal des Bundesministeriums für Gesundheit, in Zusammenarbeit mit dem IQWiG
- Rezeptfreie Schmerzmittel sicher anwenden – IQWiG
- Schutzimpfung gegen Influenza – Impfempfehlung der STIKO – Robert Koch-Institut
- Pneumokokken – Impfempfehlung der STIKO – Robert Koch-Institut
- Patientenblatt „Herzschwäche – Regelmäßige Gewichtskontrolle“ – Programm für Nationale VersorgungsLeitlinien (BÄK, KBV, AWMF), 2019
- Fachinformation Diclofenac, Abschnitt 4.3 Gegenanzeigen – Herzinsuffizienz NYHA II–IV
- STIKO: Pneumokokken-Impfempfehlung, Epidemiologisches Bulletin 39/2023 – Robert Koch-Institut
Tobias Hoffmann – examinierter Pfleger, seit über 20 Jahren in der Altenpflege, Praxisanleiter und Qualitätsbeauftragter. Mehr über mich und woher die Inhalte kommen