Expertenstandards in der Pflege
Expertenstandards legen fest, wie gute Pflege in bestimmten Bereichen aussehen soll. Sie werden vom DNQP (Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege) auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse entwickelt Sie sind keine Gesetze, gelten aber als anerkannter Stand des pflegerischen Wissens: Einrichtungen richten ihre Pflege danach aus, und bei Qualitätsprüfungen wird daran gemessen. Hier alle aktuellen Standards kurz erklärt – und was sie für Angehörige bedeuten.
Warum Expertenstandards für Angehörige wichtig sind
Expertenstandards klingen nach Fachchinesisch – tatsächlich sind sie ein starkes Werkzeug für Angehörige. Denn sie beschreiben, was Pflegeeinrichtungen und Pflegedienste leisten müssen, nicht was sie leisten könnten. Wer die Standards kennt, kann gezielt nachfragen: Wurde ein Sturzrisiko eingeschätzt? Gibt es ein Schmerzkonzept? Wie wird die Dekubitusgefahr beurteilt?
Gute Einrichtungen halten die aktuellen Standards vor und können zeigen, wie sie sie umsetzen. Diese Nachfrage ist kein Misstrauen, sondern Interesse an guter Versorgung – und in guten Häusern wird sie gern beantwortet.
Dekubitusprophylaxe
Vorbeugung von Druckgeschwüren (Wundliegen). Durch regelmäßige Bewegungsförderung, Druckentlastung und Hautbeobachtung wird verhindert, dass die Haut durch dauerhaften Druck Schaden nimmt. Gefährdet sind vor allem Menschen, die lange liegen oder sitzen und sich nicht selbst bewegen können.
Für Angehörige heißt das: Auf gerötete Hautstellen achten (besonders Steiß, Fersen, Hüfte), regelmäßige Positionswechsel unterstützen, bei Rötungen, die nicht verschwinden, sofort die Pflegekraft oder den Arzt informieren.
Erhaltung und Förderung der Hautintegrität
Grundprinzipien der Hautpflege und das Erkennen hautspezifischer Risiken. Der Standard ist ein Instrument der Vorbeugung – es geht darum, gesunde Haut zu erhalten, nicht um die Behandlung bereits geschädigter Haut. Altershaut ist dünner, trockener und verletzlicher.
Für Angehörige heißt das: Milde, rückfettende Pflegeprodukte verwenden, Haut nach dem Waschen gut abtrocknen (besonders in Hautfalten), auf trockene, rissige oder gereizte Stellen achten.
Sturzprophylaxe
Stürze erkennen, vermeiden und Folgen mindern. Risiken werden systematisch eingeschätzt und gezielt Maßnahmen ergriffen – von Bewegungsförderung über Hilfsmittel bis zur Anpassung der Umgebung.
Für Angehörige heißt das: Stolperfallen beseitigen, gute Beleuchtung, geeignetes Schuhwerk – und Bewegung fördern statt aus Angst verhindern, denn Muskelabbau erhöht das Sturzrisiko. Praktische Tipps unter Pflege zu Hause.
Schmerzmanagement
Schmerzen systematisch erfassen und behandeln – akute wie chronische. Schmerzen werden regelmäßig mit geeigneten Instrumenten erfragt, dokumentiert und behandelt. Bei Menschen, die sich nicht mehr äußern können, wird auf Verhaltenszeichen geachtet.
Für Angehörige heißt das: Veränderungen ansprechen – Schonhaltung, Abwehr bei Berührung, Unruhe oder Appetitlosigkeit können auf Schmerzen hinweisen, auch wenn der Betroffene nichts sagt.
Ernährungsmanagement
Mangelernährung früh erkennen und vermeiden. Besonders im Alter wird oft zu wenig gegessen und getrunken – der Standard zielt darauf, die normale Ernährung über den Mund so lange wie möglich zu sichern und zu fördern.
Für Angehörige heißt das: Auf Gewichtsverlust, schlecht sitzende Zahnprothesen und nachlassenden Appetit achten. Gemeinsame Mahlzeiten und Lieblingsgerichte helfen oft mehr als Ermahnungen.
Kontinenzförderung
Förderung von Harn- und Stuhlkontinenz. Der Umgang mit Blasen- und Darmschwäche wird gezielt unterstützt – mit Toilettentraining, Beckenbodenübungen, passenden Hilfsmitteln und diskreter Unterstützung, um die Selbstständigkeit und Würde zu erhalten.
Für Angehörige heißt das: Das Thema offen, aber taktvoll ansprechen – Inkontinenz ist behandelbar und kein unabänderliches Altersschicksal. Regelmäßige Toilettengänge anbieten, Wege zur Toilette kurz und sicher gestalten.
Pflege von Menschen mit chronischen Wunden
Fachgerechte Versorgung von schlecht heilenden Wunden wie Dekubitus, Ulcus cruris (offenes Bein) oder dem diabetischen Fußsyndrom. Neben der Wundbehandlung stehen Schmerzlinderung und Lebensqualität im Mittelpunkt.
Für Angehörige heißt das: Verbandswechsel den Fachkräften überlassen, aber auf Veränderungen achten: mehr Schmerzen, Geruch oder Fieber immer sofort melden.
Erhaltung und Förderung der Mobilität
Beweglichkeit gezielt erhalten und fördern. Bewegung ist die Grundlage für Selbstständigkeit und beugt vielen Folgeproblemen vor – Stürzen, Dekubitus, Thrombosen, Verstopfung und dem Abbau von Muskulatur.
Für Angehörige heißt das: Jede Alltagsbewegung zählt. Lieber begleiten und Zeit lassen, als aus Zeitdruck alles abzunehmen – „Hilfe zur Selbsthilfe“ erhält Fähigkeiten.
Förderung der Mundgesundheit
Die Mund- und Zahngesundheit erhalten. Eine gute Mundpflege wirkt sich auf Ernährung, Sprechen, Wohlbefinden und das Risiko für Infektionen wie Lungenentzündungen aus – und wird im Pflegealltag leicht übersehen.
Für Angehörige heißt das: Auf Mundgeruch, Druckstellen durch Prothesen und Essverweigerung achten – dahinter stecken oft Schmerzen im Mund. Regelmäßige Zahnarztbesuche auch bei Pflegebedürftigkeit organisieren; viele Zahnärzte machen Hausbesuche.
Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz
Eine personzentrierte Pflege gestalten. Im Mittelpunkt steht die wertschätzende Beziehung zum Menschen mit Demenz: Er soll sich gehört, verstanden und angenommen fühlen und sich als zugehörig erleben können.
Neu seit September 2026: Das DNQP hat die 1. Aktualisierung vorgelegt und am 25. September in Osnabrück vorgestellt. Erarbeitet hat sie eine 14-köpfige Expertengruppe unter Leitung von Prof. Dr. Martina Roes vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen. Das Grundziel ist gleich geblieben; Kriterien und Kommentierung wurden nach einer neuen Literaturrecherche an den aktuellen Wissensstand angepasst. Stärker betont wird der Erhalt der sozialen und personalen Identität – also dessen, was einen Menschen ausmacht und wie er sich in seinen Beziehungen erlebt, auch wenn das Gedächtnis nachlässt.
Für Angehörige heißt das: Nicht das Defizit steht im Mittelpunkt, sondern der Mensch mit seiner Lebensgeschichte. Biografisches Wissen mit dem Pflegeteam teilen – was jemandem wichtig war und ist, seine Gewohnheiten, Rituale, Lieder und Menschen. Genau damit kann das Team seine Identität im Alltag stützen. Es lohnt sich nachzufragen, wie die Einrichtung den aktualisierten Standard umsetzt.
Entlassungsmanagement
Den Übergang aus dem Krankenhaus gut organisieren. Eine vorausschauende Planung – Hilfsmittel, Medikamente, Pflegedienst, Anschlussversorgung – verhindert Versorgungslücken und vermeidbare Wiederaufnahmen („Drehtüreffekt“).
Für Angehörige heißt das: Früh im Krankenhausaufenthalt nach dem Sozialdienst bzw. Entlassungsmanagement fragen und nicht zustimmen, dass jemand nach Hause entlassen wird, bevor die Versorgung dort steht.
Förderung der physiologischen Geburt
Dieser Standard richtet sich an Hebammen und Entbindungspfleger, nicht an die Pflege – der Vollständigkeit halber aufgeführt.
Quellen
Neben meiner Erfahrung aus über 20 Jahren Altenpflege beruht diese Seite auf den folgenden Fachquellen. Die Links führen zum jeweiligen Original.
- Übersicht der Expertenstandards mit aktuellem Stand – Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)
- § 113a SGB XI a. F. – Expertenstandards zur Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität; zum 1. Juli 2023 durch das Pflegeunterstützungs- und -entlastungsgesetz aufgehoben
- Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege – DNQP, 2. Aktualisierung 2017
- Expertenstandard Erhaltung und Förderung der Hautintegrität in der Pflege – DNQP, 2024
- Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege – DNQP, 2. Aktualisierung 2022
- Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege – DNQP, Aktualisierung 2020
- Expertenstandard Ernährungsmanagement zur Sicherung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege – DNQP, 1. Aktualisierung 2017
- Expertenstandard Kontinenzförderung in der Pflege – DNQP, Aktualisierung 2024
- Expertenstandard Pflege von Menschen mit chronischen Wunden – DNQP, 2. Aktualisierung 2025
- Expertenstandard nach § 113a SGB XI „Erhaltung und Förderung der Mobilität in der Pflege“ – DNQP im Auftrag des Qualitätsausschusses Pflege, Aktualisierung 2020
- Expertenstandard Förderung der Mundgesundheit in der Pflege – DNQP, 2023
- Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz – DNQP, 1. Aktualisierung, erschienen September 2026
- Expertenstandard Entlassungsmanagement in der Pflege – DNQP, 2. Aktualisierung 2019
- DNQP stellt Expertenstandard-Entwurf zum Delirmanagement zur Diskussion – Altenheim, 23. September 2026 – Konsensus-Konferenz am 26. Februar 2027
- Dekubitusprophylaxe: DNQP startet dritte Aktualisierung des Expertenstandards – Februar 2026 – Veröffentlichung für Anfang 2027 geplant
- DNQP startet Ernährungs-Update und legt Methodenpapier vor – Bibliomed Pflege, November 2025
Tobias Hoffmann – examinierter Pfleger, seit über 20 Jahren in der Altenpflege, Praxisanleiter und Qualitätsbeauftragter. Mehr über mich und woher die Inhalte kommen