Pflege – kurz und leicht erklärt

Verständliches Wissen rund um Pflege, Krankheit und Alter

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Medikamente im Alter

Ab etwa fünf Dauermedikamenten steigt das Risiko für Nebenwirkungen, Stürze und Krankenhausaufenthalte deutlich – und im Alter wirkt jedes Mittel anders als mit vierzig. Diese Seite erklärt, worauf es ankommt, welche Rechte es gibt und welche Fragen beim nächsten Arztbesuch wirklich weiterhelfen. Warum die Leber im Alter Medikamente langsamer abbaut, steht unter Die Leber.

Warum das Alter alles verändert

Dieselbe Tablette wirkt bei einem 40-Jährigen und bei einer 85-Jährigen völlig unterschiedlich. Das liegt nicht am Alter an sich, sondern an vier ganz konkreten Veränderungen im Körper:

„Start low, go slow“ – und: weniger ist oft mehr

Im Alter wird niedrig begonnen und langsam gesteigert. Und bei jedem neuen Medikament gehört die Frage dazu, ob dafür ein anderes wegfallen kann.

Polypharmazie – wenn aus Hilfe ein Problem wird

Von Polypharmazie spricht man ab etwa fünf dauerhaft eingenommenen Medikamenten. Das ist im Alter eher die Regel als die Ausnahme – und meistens hat jedes einzelne Mittel seine Berechtigung. Das Problem entsteht aus der Summe:

Die Verordnungskaskade – der häufigste Mechanismus

So entsteht sie in der Praxis, an einem typischen Beispiel:

  1. Ein Blutdruckmittel führt zu geschwollenen Knöcheln
  2. Dagegen wird ein Entwässerungsmittel verordnet
  3. Das treibt zur Toilette – nachts, mit Sturzgefahr – und entgleist die Blutsalze
  4. Gegen den Harndrang kommt ein Blasenmittel dazu
  5. Das macht Mundtrockenheit, Verstopfung und Verwirrtheit
  6. Die Verwirrtheit wird für beginnende Demenz gehalten …

An keiner Stelle hat jemand einen Fehler gemacht. Trotzdem ist das Ergebnis falsch. Der einzige Ausweg ist, regelmäßig einen Schritt zurückzutreten und die ganze Liste anzuschauen – nicht das einzelne Symptom.

neu: Blutdruckmittel ! geschwollene Knöchel neu: Entwässerungsmittel ! nachts raus, Sturzgefahr, Blutsalze entgleisen neu: Blasenmittel ! Mundtrockenheit, Verstopfung, Verwirrtheit … und wird für eine Demenz gehalten Ausweg: die ganze Liste anschauen, nicht das einzelne Symptom – Medikamenten-Check
An keiner Stelle hat jemand einen Fehler gemacht – trotzdem ist das Ergebnis falsch.

Wirkstoffe, die im Alter besondere Vorsicht verlangen

Es gibt Listen von Medikamenten, die für ältere Menschen ungeeignet oder nur eingeschränkt geeignet sind – im deutschsprachigen Raum vor allem die PRISCUS-Liste und die FORTA-Klassifikation. Sie sind Werkzeuge für Ärzte, kein Verbot: Manchmal gibt es gute Gründe, ein solches Mittel trotzdem einzusetzen.

Wichtig: Diese Übersicht ist kein Anlass, etwas abzusetzen. Sie ist ein Anlass, beim nächsten Arztbesuch nachzufragen.

Schlaf- und Beruhigungsmittel

Benzodiazepine (etwa Diazepam, Lorazepam, Bromazepam) und die sogenannten Z-Substanzen (Zolpidem, Zopiclon). Sie erhöhen im Alter Sturz- und Bruchrisiko deutlich, machen tagsüber müde, verschlechtern das Gedächtnis, können ein Delir auslösen und führen schnell in eine Abhängigkeit. Viele Menschen nehmen sie seit Jahrzehnten.

Absetzen ist möglich, aber nur langsam und ärztlich begleitet – abruptes Weglassen kann Krampfanfälle auslösen. Ein Ausschleichen über Monate ist normal.

Anticholinerge Medikamente – die unterschätzte Gruppe

Sehr viele Mittel wirken nebenbei anticholinerg: Blasenmittel wie Oxybutynin, alte Antidepressiva wie Amitriptylin, ältere Antihistaminika, manche Neuroleptika, Mittel gegen Übelkeit und Krämpfe. Einzeln oft unauffällig, in Summe („anticholinerge Last“) entsteht ein typisches Bild:

Weil die Beschwerden so gut zu „normalem Altern“ passen, wird der Zusammenhang selten hergestellt. Genau deshalb lohnt hier das gezielte Nachfragen.

Weitere kritische Gruppen

Der Medikationsplan – ein Recht, das kaum jemand nutzt

Wer mindestens drei verordnete Medikamente gleichzeitig anwendet, hat Anspruch auf einen bundeseinheitlichen Medikationsplan in Papierform (§ 31a SGB V). Ausgestellt wird er in der Regel vom Hausarzt, aktualisiert von jedem behandelnden Arzt und auf Wunsch auch von der Apotheke.

Zusätzlich haben Versicherte Anspruch auf eine Medikationsanalyse in der Apotheke (pharmazeutische Dienstleistung) bei dauerhafter Einnahme von fünf oder mehr Arzneimitteln. Danach fragen lohnt sich – viele wissen nicht, dass es das gibt.

Eine ausfüllbare Übersicht für den Kühlschrank findest du unter Medikamentenplan zum Ausdrucken.

Der Medikamenten-Check – so läuft er richtig

Einmal im Jahr, und immer nach einem Krankenhausaufenthalt. Der beste Weg ist die „Brown-Bag-Methode“: alles einpacken und mitbringen.

Absetzen will gelernt sein

Für das gezielte Weglassen nicht mehr nötiger Medikamente gibt es einen Fachbegriff: Deprescribing. Es ist genauso ärztliche Kunst wie das Verordnen – und braucht die gleiche Sorgfalt.

⚠️ Was niemals eigenmächtig abgesetzt wird
  • Blutverdünner und Gerinnungshemmer
  • Betablocker und Herzmedikamente
  • Schilddrüsenhormone, Kortison
  • Parkinson-Medikamente – hier zählen sogar die Uhrzeiten
  • Antiepileptika und Antidepressiva

Abruptes Weglassen kann hier lebensgefährlich sein.

Richtig einnehmen – die häufigsten Fehler

Was Angehörige und Pflegende tun können

🖨️ Merkblatt zum Mitnehmen: Die Warnzeichen und das Wichtigste für Angehörige auf einer Seite – zum Ausdrucken für den Kühlschrank oder zum Weitergeben. Merkblatt als PDF

Die Rubrik: Handhabung im Alltag

Die häufigsten Fragen im Pflegealltag drehen sich nicht darum, welches Medikament jemand bekommt, sondern darum, wie damit umzugehen ist. Dazu gibt es eigene Seiten:

Die Rubrik behandelt bewusst die Handhabung und nicht die einzelnen Wirkstoffe: Was wie zu geben, zu lagern und zu dokumentieren ist, ist Pflegewissen – und es veraltet langsamer als jede Wirkstoffliste.

Passend dazu

Die Leber · Delir · Stürze · Schmerz im Alter · Medikamentenplan zum Ausdrucken · Herz-Kreislauf-Erkrankungen

⚕️ Diese Seite ersetzt keine ärztliche Beratung und ist keine Aufforderung, Medikamente abzusetzen oder zu verändern. Jede Änderung gehört in ärztliche Hand – aber jede Frage dazu ist berechtigt.

Quellen

Neben meiner Erfahrung aus über 20 Jahren Altenpflege beruht diese Seite auf den folgenden Fachquellen. Die Links führen zum jeweiligen Original.

  1. § 31a SGB V – bundeseinheitlicher Medikationsplan
  2. § 129 SGB V – pharmazeutische Dienstleistungen der Apotheken (Abs. 5e)
  3. PRISCUS 2.0 – Liste potenziell inadäquater Medikation für ältere Menschen – Mann N.-K. et al., Deutsches Ärzteblatt International 2023;120:3–10
  4. The FORTA (Fit fOR The Aged) List 2024 – Pazan F. et al., Drugs & Aging 2025
  5. S3-Leitlinie Hausärztliche Leitlinie Multimedikation – DEGAM, AWMF-Register 053-043, 2021

Tobias Hoffmann – examinierter Pfleger, seit über 20 Jahren in der Altenpflege, Praxisanleiter und Qualitätsbeauftragter. Mehr über mich und woher die Inhalte kommen

Stand: Oktober 2026. Diese Seite wird wöchentlich auf Änderungen geprüft – so arbeite ich.