Medikamente im Alter
Ab etwa fünf Dauermedikamenten steigt das Risiko für Nebenwirkungen, Stürze und Krankenhausaufenthalte deutlich – und im Alter wirkt jedes Mittel anders als mit vierzig. Diese Seite erklärt, worauf es ankommt, welche Rechte es gibt und welche Fragen beim nächsten Arztbesuch wirklich weiterhelfen. Warum die Leber im Alter Medikamente langsamer abbaut, steht unter Die Leber.
Warum das Alter alles verändert
Dieselbe Tablette wirkt bei einem 40-Jährigen und bei einer 85-Jährigen völlig unterschiedlich. Das liegt nicht am Alter an sich, sondern an vier ganz konkreten Veränderungen im Körper:
- Die Nieren arbeiten langsamer. Viele Medikamente werden über die Niere ausgeschieden. Lässt die Nierenfunktion nach, reichern sie sich an – aus einer normalen Dosis wird schleichend eine Überdosis. Deshalb gehören Nierenwerte im Alter regelmäßig kontrolliert
- Der Körper enthält weniger Wasser und mehr Fett. Wasserlösliche Wirkstoffe werden dadurch stärker konzentriert, fettlösliche – etwa Schlafmittel – reichern sich an und wirken viel länger nach. Das ist der Grund für den „Hangover“ am nächsten Vormittag
- Die Leber baut langsamer ab und wird schlechter durchblutet
- Das Gehirn reagiert empfindlicher. Die Schutzbarriere wird durchlässiger, Nebenwirkungen wie Verwirrtheit, Müdigkeit und Gangunsicherheit treten früher und stärker auf
Im Alter wird niedrig begonnen und langsam gesteigert. Und bei jedem neuen Medikament gehört die Frage dazu, ob dafür ein anderes wegfallen kann.
Polypharmazie – wenn aus Hilfe ein Problem wird
Von Polypharmazie spricht man ab etwa fünf dauerhaft eingenommenen Medikamenten. Das ist im Alter eher die Regel als die Ausnahme – und meistens hat jedes einzelne Mittel seine Berechtigung. Das Problem entsteht aus der Summe:
- Mit jeder zusätzlichen Substanz steigt das Risiko für Wechselwirkungen überproportional
- Das Sturzrisiko steigt messbar
- Die Zahl der Krankenhausaufnahmen wegen Nebenwirkungen steigt – ein erheblicher Teil davon wäre vermeidbar
- Und je komplizierter der Plan, desto mehr Einnahmefehler
Die Verordnungskaskade – der häufigste Mechanismus
So entsteht sie in der Praxis, an einem typischen Beispiel:
- Ein Blutdruckmittel führt zu geschwollenen Knöcheln
- Dagegen wird ein Entwässerungsmittel verordnet
- Das treibt zur Toilette – nachts, mit Sturzgefahr – und entgleist die Blutsalze
- Gegen den Harndrang kommt ein Blasenmittel dazu
- Das macht Mundtrockenheit, Verstopfung und Verwirrtheit
- Die Verwirrtheit wird für beginnende Demenz gehalten …
An keiner Stelle hat jemand einen Fehler gemacht. Trotzdem ist das Ergebnis falsch. Der einzige Ausweg ist, regelmäßig einen Schritt zurückzutreten und die ganze Liste anzuschauen – nicht das einzelne Symptom.
Wirkstoffe, die im Alter besondere Vorsicht verlangen
Es gibt Listen von Medikamenten, die für ältere Menschen ungeeignet oder nur eingeschränkt geeignet sind – im deutschsprachigen Raum vor allem die PRISCUS-Liste und die FORTA-Klassifikation. Sie sind Werkzeuge für Ärzte, kein Verbot: Manchmal gibt es gute Gründe, ein solches Mittel trotzdem einzusetzen.
Wichtig: Diese Übersicht ist kein Anlass, etwas abzusetzen. Sie ist ein Anlass, beim nächsten Arztbesuch nachzufragen.
Schlaf- und Beruhigungsmittel
Benzodiazepine (etwa Diazepam, Lorazepam, Bromazepam) und die sogenannten Z-Substanzen (Zolpidem, Zopiclon). Sie erhöhen im Alter Sturz- und Bruchrisiko deutlich, machen tagsüber müde, verschlechtern das Gedächtnis, können ein Delir auslösen und führen schnell in eine Abhängigkeit. Viele Menschen nehmen sie seit Jahrzehnten.
Absetzen ist möglich, aber nur langsam und ärztlich begleitet – abruptes Weglassen kann Krampfanfälle auslösen. Ein Ausschleichen über Monate ist normal.
Anticholinerge Medikamente – die unterschätzte Gruppe
Sehr viele Mittel wirken nebenbei anticholinerg: Blasenmittel wie Oxybutynin, alte Antidepressiva wie Amitriptylin, ältere Antihistaminika, manche Neuroleptika, Mittel gegen Übelkeit und Krämpfe. Einzeln oft unauffällig, in Summe („anticholinerge Last“) entsteht ein typisches Bild:
- Mundtrockenheit, Sehstörungen, Verstopfung, Harnverhalt
- Verwirrtheit, Gedächtnisstörungen, Stürze
- Bei längerer Einnahme wird ein erhöhtes Demenzrisiko diskutiert
Weil die Beschwerden so gut zu „normalem Altern“ passen, wird der Zusammenhang selten hergestellt. Genau deshalb lohnt hier das gezielte Nachfragen.
Weitere kritische Gruppen
- NSAR (Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen): Magenblutungen, Nierenschäden, Blutdruckanstieg, schlechte Verträglichkeit mit Blutverdünnern. Nur kurz und niedrig dosiert – siehe Schmerz im Alter
- Bestimmte Neuroleptika bei Menschen mit Demenz: erhöhtes Risiko für Schlaganfall und Tod, bei Lewy-Körperchen-Demenz und Parkinson besonders gefährlich
- Lang wirksame Sulfonylharnstoffe (z. B. Glibenclamid) wegen langer Unterzuckerungen
- Digoxin in höherer Dosierung
- Protonenpumpenhemmer („Magenschutz“) über Jahre ohne Anlass – sehr häufig, oft nie hinterfragt
Der Medikationsplan – ein Recht, das kaum jemand nutzt
Wer mindestens drei verordnete Medikamente gleichzeitig anwendet, hat Anspruch auf einen bundeseinheitlichen Medikationsplan in Papierform (§ 31a SGB V). Ausgestellt wird er in der Regel vom Hausarzt, aktualisiert von jedem behandelnden Arzt und auf Wunsch auch von der Apotheke.
- Er ist kostenlos
- Er gehört immer mitgenommen: zu jedem Arzt, ins Krankenhaus, zum Zahnarzt, in die Notaufnahme
- Er sollte auch rezeptfreie Mittel, Nahrungsergänzung und pflanzliche Präparate enthalten – genau da entstehen viele Wechselwirkungen
Zusätzlich haben Versicherte Anspruch auf eine Medikationsanalyse in der Apotheke (pharmazeutische Dienstleistung) bei dauerhafter Einnahme von fünf oder mehr Arzneimitteln. Danach fragen lohnt sich – viele wissen nicht, dass es das gibt.
Eine ausfüllbare Übersicht für den Kühlschrank findest du unter Medikamentenplan zum Ausdrucken.
Der Medikamenten-Check – so läuft er richtig
Einmal im Jahr, und immer nach einem Krankenhausaufenthalt. Der beste Weg ist die „Brown-Bag-Methode“: alles einpacken und mitbringen.
- Alles sammeln. Wirklich alles: Tabletten, Tropfen, Salben, Sprays, Augentropfen, Zäpfchen, Pflaster, Insulin. Dazu alles aus dem Nachtschrank und der Küchenschublade – Schmerzmittel aus der Drogerie, Magnesium, Johanniskraut, Baldrian, Vitamine
- Termin ausdrücklich dafür machen. „Ich möchte einmal alle Medikamente durchgehen“ – nicht nebenbei am Ende eines Termins wegen etwas anderem
- Vier Fragen zu jedem Mittel stellen: Wofür nehme ich das? Wirkt es noch? Was passiert, wenn ich es weglasse? Und: Ist die Dosis für meine Nierenfunktion noch richtig?
- Beschwerden nennen, die man für Alter hält: Müdigkeit, Schwindel, Verstopfung, Mundtrockenheit, Vergesslichkeit, Appetitlosigkeit, häufige Stürze. Sehr oft steckt ein Medikament dahinter
- Ergebnis schriftlich mitnehmen – als aktualisierten Medikationsplan
Absetzen will gelernt sein
Für das gezielte Weglassen nicht mehr nötiger Medikamente gibt es einen Fachbegriff: Deprescribing. Es ist genauso ärztliche Kunst wie das Verordnen – und braucht die gleiche Sorgfalt.
- Nie mehrere Mittel gleichzeitig absetzen – sonst weiß niemand, woran eine Veränderung lag
- Viele Wirkstoffe müssen ausgeschlichen werden: Betablocker, Kortison, Antidepressiva, Schlafmittel, Protonenpumpenhemmer
- Nach dem Absetzen beobachten und dokumentieren – notfalls wieder ansetzen, das ist kein Scheitern
- Absetzen ist keine Sparmaßnahme und kein Aufgeben. Bei einem Menschen mit begrenzter Lebenserwartung ein Cholesterinmittel wegzulassen, das erst in zehn Jahren wirkt, ist gute Medizin – nicht schlechtere
- Blutverdünner und Gerinnungshemmer
- Betablocker und Herzmedikamente
- Schilddrüsenhormone, Kortison
- Parkinson-Medikamente – hier zählen sogar die Uhrzeiten
- Antiepileptika und Antidepressiva
Abruptes Weglassen kann hier lebensgefährlich sein.
Richtig einnehmen – die häufigsten Fehler
- Mörsern und Teilen: Nicht jede Tablette darf geteilt oder zerkleinert werden. Retard- und magensaftresistente Formen verlieren dadurch ihre Wirkung oder setzen die ganze Dosis auf einmal frei. Immer in der Apotheke nachfragen – oft gibt es Tropfen oder Schmelztabletten
- Einnahmezeitpunkt: Schilddrüsenhormone nüchtern mit deutlichem Abstand, Bisphosphonate bei Osteoporose nüchtern und danach aufrecht bleiben, Entwässerungsmittel morgens, damit die Nacht ruhig bleibt
- Womit eingenommen wird: mit einem großen Glas Wasser im Sitzen oder Stehen. Nicht mit Milch (bindet manche Antibiotika), nicht mit Grapefruitsaft (verstärkt zahlreiche Wirkstoffe erheblich)
- Johanniskraut schwächt Blutverdünner, Herzmedikamente und viele andere Wirkstoffe ab – ein häufig unterschätztes Risiko, weil „pflanzlich“ für harmlos gehalten wird
- Wochendosierer helfen enorm – aber nur, wenn immer dieselbe Person stellt und die Packungen behalten werden
- Bei Schluckstörungen nicht heimlich ins Essen mischen, sondern die Darreichungsform ändern lassen
Was Angehörige und Pflegende tun können
- Eine aktuelle Liste führen und überall mitnehmen. Im Notfall ist sie für den Rettungsdienst entscheidend
- Neue Beschwerden zeitlich einordnen: Ist etwas dazugekommen, seit das neue Medikament läuft? Diese eine Frage klärt erstaunlich viel
- Bei plötzlicher Verwirrtheit immer auch an Medikamente denken – siehe Delir
- Nach dem Krankenhaus abgleichen: Was wurde neu angesetzt, was abgesetzt, was war nur für den Aufenthalt gedacht? Hier entstehen die meisten Doppelverordnungen
- Eine Apotheke, ein Hausarzt. Wer alles an einer Stelle bezieht, bekommt Wechselwirkungen automatisch geprüft
- Wenn der Pflegedienst stellt: Das Richten und Verabreichen von Medikamenten ist Behandlungspflege – die Krankenkasse zahlt sie auf ärztliche Verordnung, auch ohne Pflegegrad. Siehe Ambulante Pflege
- Nicht heimlich weglassen. Wenn ein Mittel Probleme macht, gehört das besprochen – stilles Absetzen ist der gefährlichste Weg
🖨️ Merkblatt zum Mitnehmen: Die Warnzeichen und das Wichtigste für Angehörige auf einer Seite – zum Ausdrucken für den Kühlschrank oder zum Weitergeben. Merkblatt als PDF
Die Rubrik: Handhabung im Alltag
Die häufigsten Fragen im Pflegealltag drehen sich nicht darum, welches Medikament jemand bekommt, sondern darum, wie damit umzugehen ist. Dazu gibt es eigene Seiten:
Tabletten teilen und mörsern
Was geht, was nicht – und warum die Bruchkerbe nichts beweist. Mit den Formen, bei denen Zerkleinern gefährlich wird.
Wer darf stellen und geben
Delegation, Anordnung und Haftung: die drei Verantwortungen, wer was übernehmen darf und wann man ablehnen muss.
Bedarfsmedikation
Die sechs Angaben, die jede Anordnung braucht – und warum „bei Unruhe 1 Tablette“ keine ist.
Aufbewahrung und Betäubungsmittel
Haltbarkeit nach Anbruch, Kühlkette, Entsorgung – und die Regeln für den BtM-Schrank und den Nachweis.
Vergessen, ausgespuckt, erbrochen
Die Drittel-Regel, wo sie nicht gilt, und was bei Erbrechen kurz nach der Einnahme zu tun ist.
Medikamente und Nahrung
Grapefruit, Milch, Vitamin-K-Gemüse, Kaffee – und was „nüchtern einnehmen“ genau bedeutet.
Medikamente über die Sonde
Der Ablauf bei PEG und Ernährungssonde: einzeln geben, richtig spülen, nicht mit der Sondenkost mischen.
Die Rubrik behandelt bewusst die Handhabung und nicht die einzelnen Wirkstoffe: Was wie zu geben, zu lagern und zu dokumentieren ist, ist Pflegewissen – und es veraltet langsamer als jede Wirkstoffliste.
Passend dazu
Die Leber · Delir · Stürze · Schmerz im Alter · Medikamentenplan zum Ausdrucken · Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Quellen
Neben meiner Erfahrung aus über 20 Jahren Altenpflege beruht diese Seite auf den folgenden Fachquellen. Die Links führen zum jeweiligen Original.
- § 31a SGB V – bundeseinheitlicher Medikationsplan
- § 129 SGB V – pharmazeutische Dienstleistungen der Apotheken (Abs. 5e)
- PRISCUS 2.0 – Liste potenziell inadäquater Medikation für ältere Menschen – Mann N.-K. et al., Deutsches Ärzteblatt International 2023;120:3–10
- The FORTA (Fit fOR The Aged) List 2024 – Pazan F. et al., Drugs & Aging 2025
- S3-Leitlinie Hausärztliche Leitlinie Multimedikation – DEGAM, AWMF-Register 053-043, 2021
Tobias Hoffmann – examinierter Pfleger, seit über 20 Jahren in der Altenpflege, Praxisanleiter und Qualitätsbeauftragter. Mehr über mich und woher die Inhalte kommen