Typ-2-Diabetes
Etwa jeder fünfte Mensch über 70 in Deutschland hat Typ-2-Diabetes – viele wissen es nicht. Die Erkrankung tut lange nicht weh, richtet aber über Jahre Schäden an Gefäßen, Nerven, Augen und Nieren an. Diese Seite erklärt, worauf es im Alltag ankommt – besonders bei älteren und pflegebedürftigen Menschen, für die andere Regeln gelten als für Jüngere. Welche Organe ein dauerhaft erhöhter Blutzucker schädigt, steht unter Der Körper im Alter.
Was ist Typ-2-Diabetes?
Zucker aus der Nahrung gelangt ins Blut und wird mithilfe des Hormons Insulin in die Körperzellen geschleust. Beim Typ-2-Diabetes reagieren die Zellen immer schlechter auf Insulin – man nennt das Insulinresistenz. Die Bauchspeicheldrüse produziert zum Ausgleich mehr Insulin, bis sie irgendwann erschöpft ist. Der Zucker bleibt im Blut.
Der Unterschied zu Typ 1: Beim Typ-1-Diabetes zerstört das Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen – er beginnt meist im Kindes- oder Jugendalter und erfordert von Anfang an Insulin. Der Typ 2 entwickelt sich über Jahre, meist im höheren Alter, und hängt stark mit Übergewicht, Bewegungsmangel und Veranlagung zusammen. Rund 90 % aller Diabetiker haben Typ 2.
Warnzeichen
Das Tückische: Am Anfang gibt es oft gar keine Beschwerden. Viele Diagnosen entstehen zufällig bei einer Blutuntersuchung – oder erst, wenn schon Folgeschäden da sind.
- Starker Durst und häufiges Wasserlassen, auch nachts
- Müdigkeit, Leistungsknick, Konzentrationsprobleme
- Schlecht heilende Wunden, häufige Infekte, Pilzerkrankungen
- Juckreiz, trockene Haut
- Sehverschlechterung, verschwommenes Sehen
- Taubheitsgefühl, Kribbeln oder Brennen in den Füßen
- Ungewollter Gewichtsverlust bei stark erhöhten Werten
Besonders bei älteren Menschen: Die typischen Zeichen fehlen häufig. Stattdessen zeigen sich Verwirrtheit, zunehmende Schwäche, Stürze oder eine ungeklärte Verschlechterung des Allgemeinzustands. Das Durstgefühl lässt im Alter ohnehin nach – deshalb fällt selbst starker Flüssigkeitsverlust oft nicht auf.
Wie wird die Diagnose gestellt?
- Nüchtern-Blutzucker: ab 126 mg/dl (7,0 mmol/l) an zwei Tagen gilt als Diabetes
- HbA1c – der Langzeitwert: Er zeigt den durchschnittlichen Blutzucker der letzten acht bis zwölf Wochen. Ab 6,5 % (48 mmol/mol) spricht man von Diabetes. Dieser Wert lässt sich nicht durch einen Tag Diät schönen – deshalb ist er so aussagekräftig.
- Gelegenheits-Blutzucker ab 200 mg/dl mit typischen Beschwerden
- Zuckerbelastungstest (oGTT): Trinken einer Zuckerlösung mit Messung davor und zwei Stunden danach
Dazu gehört immer die Suche nach Folgeschäden: Augenhintergrund, Nierenwerte, Nervenprüfung an den Füßen, Blutdruck und Blutfette.
Behandlung – im Alter mit anderen Zielen
Bei einem 50-Jährigen geht es darum, Folgeschäden in zwanzig Jahren zu verhindern – da wird streng eingestellt. Bei einem 85-jährigen pflegebedürftigen Menschen ist das anders: Hier zählt Lebensqualität, und Unterzuckerungen sind die größere Gefahr als leicht erhöhte Werte. Deshalb werden die Zielwerte im Alter bewusst lockerer gewählt, oft ein HbA1c bis etwa 8 %.
Das ist kein Aufgeben und keine schlechtere Behandlung – es ist die richtige Behandlung für diese Lebenssituation. Angehörige sollten das wissen, damit sie nicht beunruhigt sind, wenn die Werte höher liegen als beim Nachbarn.
Basis: Ernährung und Bewegung
- Regelmäßige Mahlzeiten, weniger schnelle Zucker (Süßigkeiten, gezuckerte Getränke, Weißmehl)
- Ballaststoffe, Gemüse, Vollkorn – sie lassen den Zucker langsamer ansteigen
- Aber im Alter Vorsicht mit strengen Diäten: Bei pflegebedürftigen Menschen ist Mangelernährung ein größeres Problem als ein paar Gramm Zucker. Wenn jemand ohnehin schlecht isst, hat Genuss Vorrang. Ein Stück Kuchen am Nachmittag ist selten das Problem.
- Bewegung senkt den Blutzucker direkt und verbessert die Insulinwirkung – schon tägliche Spaziergänge zählen
Tabletten
- Metformin – meist das erste Mittel. Senkt die Zuckerabgabe der Leber, verursacht keine Unterzuckerung. Bei eingeschränkter Nierenfunktion muss die Dosis angepasst oder das Mittel abgesetzt werden – im Alter regelmäßig kontrollieren lassen.
- SGLT2-Hemmer (Empagliflozin, Dapagliflozin): Zucker wird über den Urin ausgeschieden. Schützen zusätzlich Herz und Nieren. Häufigere Genital- und Harnwegsinfekte möglich, auf ausreichende Intimhygiene achten.
- DPP-4-Hemmer (Sitagliptin, Linagliptin): gut verträglich, kaum Unterzuckerungen – deshalb im Alter beliebt.
- Sulfonylharnstoffe (Glibenclamid, Glimepirid): wirksam, aber sie können Unterzuckerungen auslösen – bei alten Menschen deshalb zunehmend zurückhaltend eingesetzt.
- GLP-1-Rezeptoragonisten als Spritze (Semaglutid, Dulaglutid): senken Blutzucker und Gewicht, schützen Herz und Gefäße. Übelkeit ist häufig, meist vorübergehend.
Insulin
Wenn Tabletten nicht mehr reichen, kommt Insulin dazu. Häufig genügt zunächst eine Spritze Basalinsulin am Abend. Im Alter wird bewusst ein einfaches Schema gewählt – je komplizierter, desto höher das Fehlerrisiko. Wenn die Selbstverabreichung nicht mehr sicher gelingt, übernimmt ein ambulanter Pflegedienst das Spritzen; das zahlt als Behandlungspflege die Krankenkasse – dafür braucht es keinen Pflegegrad.
Eine Unterzuckerung ist ein Notfall. Sie tritt auf bei zu viel Insulin oder bestimmten Tabletten, ausgelassenen Mahlzeiten, ungewohnter Anstrengung, Erbrechen oder Alkohol.
Zeichen:
- Zittern, Schwitzen, Herzrasen, Blässe
- Heißhunger, Übelkeit
- Verwirrtheit, Wesensveränderung, Aggressivität, „betrunkenes“ Verhalten
- Sprachstörungen, Sehstörungen, Krampfanfall, Bewusstlosigkeit
Was tun? Wenn die Person noch schlucken kann: sofort schnellen Zucker geben – ein Glas Saft oder Cola (nicht zuckerfrei!), Traubenzucker, Zuckerwürfel. Danach etwas Langwirksames wie Brot. Nach 15 Minuten Blutzucker kontrollieren, bei Bedarf wiederholen.
Bei Bewusstlosigkeit: nichts einflößen! Stabile Seitenlage, sofort 112 rufen.
Besonders wichtig bei älteren Menschen: Die typischen Warnzeichen wie Zittern und Schwitzen fehlen im Alter häufig – die Unterzuckerung zeigt sich dann direkt als Verwirrtheit oder Sturz. Wer bei einem Diabetiker plötzliche Verwirrtheit bemerkt, sollte immer auch an den Blutzucker denken.
Die Füße – der wichtigste Punkt im Pflegealltag
Das diabetische Fußsyndrom ist eine der folgenschwersten Komplikationen und Hauptursache für Amputationen. Es entsteht aus dem Zusammenspiel zweier Schäden: Die Nerven sind geschädigt, deshalb werden Verletzungen nicht gespürt, und die Durchblutung ist schlecht, deshalb heilt alles langsam.
Das bedeutet: Ein Steinchen im Schuh, eine Blase, ein zu kurz geschnittener Nagel – was ein gesunder Mensch sofort merkt, bleibt beim Diabetiker unbemerkt, bis daraus eine tiefe Wunde geworden ist.
Tägliche Fußkontrolle – jeden Abend, ohne Ausnahme
- Füße vollständig anschauen, auch zwischen den Zehen und an der Fußsohle (Spiegel oder Hilfe durch Angehörige)
- Achten auf: Rötungen, Druckstellen, Blasen, Risse, Hornhaut, eingewachsene Nägel, Pilzbefall, Verfärbungen
- Jede Auffälligkeit gehört zum Arzt – auch die kleine, die harmlos aussieht
Richtige Fußpflege
- Füße lauwarm waschen (Temperatur mit dem Ellenbogen prüfen – die Füße spüren zu heiß nicht!), maximal drei Minuten, danach gut abtrocknen, besonders zwischen den Zehen
- Eincremen mit harnstoffhaltiger Creme – aber nicht zwischen den Zehen
- Nägel feilen statt schneiden, gerade, nicht rund – keine spitzen Scheren, keine Hornhauthobel
- Keine Hühneraugenpflaster, keine ätzenden Mittel
- Medizinische Fußpflege (Podologie) nutzen – sie wird bei diabetischem Fußsyndrom vom Arzt verordnet und von der Krankenkasse bezahlt
- Nie barfuß laufen, auch nicht in der Wohnung
- Schuhe vor dem Anziehen ausschütteln und mit der Hand innen abtasten
- Gut sitzende, weiche Schuhe ohne drückende Nähte; bei Bedarf orthopädische Maßschuhe
- Keine Wärmflaschen und keine Heizkissen an den Füßen – Verbrennungen werden nicht bemerkt
Weitere Folgeschäden im Blick behalten
- Augen: Die Netzhaut kann geschädigt werden, oft lange ohne Symptome. Mindestens jährlich zum Augenarzt – auch ohne Beschwerden.
- Nieren: Diabetes ist die häufigste Ursache für Dialysepflicht. Regelmäßige Kontrolle von Nierenwerten und Eiweiß im Urin.
- Nerven (Polyneuropathie): Kribbeln, Brennen, Taubheit – meist an den Füßen beginnend. Kann auch Schmerzen verursachen, die schwer zu behandeln sind.
- Herz und Gefäße: Diabetiker haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall – und spüren wegen der Nervenschädigung oft weniger Schmerz. Ein „stummer Infarkt“ ist bei Diabetes keine Seltenheit.
- Zähne und Zahnfleisch: Erhöhtes Risiko für Parodontitis, was wiederum den Blutzucker verschlechtert. Regelmäßig zum Zahnarzt.
Was Angehörige und Pflegende tun können
- Tägliche Fußkontrolle übernehmen, wenn der Betroffene sie selbst nicht mehr zuverlässig durchführen kann – der wirksamste Beitrag überhaupt
- Medikamenteneinnahme und Spritzzeiten sichern: feste Abläufe, Wochendosierer; bei Unsicherheit den Pflegedienst einbinden
- Traubenzucker griffbereit halten – zu Hause, in der Handtasche, im Auto
- Bei plötzlicher Verwirrtheit an Unterzuckerung denken und messen, bevor man andere Ursachen sucht
- Auf ausreichendes Trinken achten – hoher Blutzucker führt zu vermehrtem Wasserverlust, und das Durstgefühl fehlt im Alter
- Bei Infekten aufmerksam sein: Fieber, Erbrechen oder Durchfall bringen den Blutzucker durcheinander. In solchen Phasen häufiger messen und früh den Arzt einbeziehen.
- Diabetiker-Ausweis und aktuelle Medikamentenliste immer griffbereit halten
- Schulungen nutzen: Diabetesschulungen werden von den Kassen bezahlt – auch für Angehörige gibt es Angebote
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Quellen
Neben meiner Erfahrung aus über 20 Jahren Altenpflege beruht diese Seite auf den folgenden Fachquellen. Die Links führen zum jeweiligen Original.
- Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes – Bundesärztekammer, KBV und AWMF, Version 3, 2023
- Praxisempfehlung Diabetes mellitus im Alter – Deutsche Diabetes Gesellschaft, 2025
- § 37 SGB V – häusliche Krankenpflege, etwa Insulingabe durch den Pflegedienst
Tobias Hoffmann – examinierter Pfleger, seit über 20 Jahren in der Altenpflege, Praxisanleiter und Qualitätsbeauftragter. Mehr über mich und woher die Inhalte kommen