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Dekubitus & chronische Wunden

Ein Druckgeschwür entsteht in Stunden und heilt in Monaten. Fast jedes wäre vermeidbar. Diese Seite erklärt, wie es entsteht, woran man die ersten Zeichen erkennt und welche Maßnahmen wirklich schützen – inklusive der überholten Ratschläge, die bis heute weitergegeben werden. Wie die Haut aufgebaut ist und was sie im Alter braucht, steht unter Die Haut.

Ein Dekubitus entsteht in Stunden – und heilt in Monaten

Deshalb ist Vorbeugung hier keine Fleißaufgabe, sondern die eigentliche Behandlung. Fast jeder Dekubitus ist vermeidbar.

Wie ein Druckgeschwür entsteht

Wenn Gewebe zwischen einem Knochen und einer Unterlage zusammengedrückt wird, werden die feinen Blutgefäße abgeklemmt. Das Gewebe bekommt keinen Sauerstoff mehr und stirbt ab. Entscheidend ist dabei nicht nur, wie stark der Druck ist, sondern vor allem, wie lange er anhält.

Ein gesunder Mensch bewegt sich unbewusst alle paar Minuten – auch im Schlaf. Genau diese winzigen Positionswechsel fallen weg, wenn jemand nicht mehr mobil ist, bewusstlos, sehr geschwächt, stark schmerzgeplagt oder ruhiggestellt.

Drei Kräfte, die zusammenwirken

Dazu kommt das Mikroklima: Feuchte, warme Haut ist deutlich verletzlicher. Schweiß, Urin und luftundurchlässige Unterlagen erhöhen das Risiko erheblich.

Wo es passiert

Überall dort, wo Knochen dicht unter der Haut liegt. Die Stellen unterscheiden sich je nach Position – und genau deshalb hilft ein Positionswechsel.

Rückenlage Hinterkopf Ellenbogen Fersen Schulterblätter Kreuz- und Steißbein am häufigsten Seitenlage Ohr Hüfte Rollhügel Knöchel Schulter Knie außen und innen Sitzen Der Druck ist höher als im Liegen – lange Zeiten im Rollstuhl werden unterschätzt. Steißbein Sitzbein- höcker Fersen
Gefährdet ist jede Stelle, an der Knochen dicht unter der Haut aufliegt. Deshalb hilft der Positionswechsel – und deshalb gehören auch Stellen unter Sonden, Kathetern und Sauerstoffbrillen zur Kontrolle.

Die Fersen sind ein Sonderfall: Dort gibt es kaum Fettpolster, und die Durchblutung ist bei älteren Menschen oft ohnehin schlecht. Fersen gehören vollständig freigelagert – also so, dass sie die Unterlage gar nicht berühren, meist durch ein Kissen unter den Waden.

Die Schweregrade erkennen

Die Kategorien 1 bis 4 des Dekubitus und die tiefe Gewebeschädigung – Klassifikation nach EPUAP und NPIAP.
KategorieWas man sieht
1 Rötung, die sich nicht wegdrücken lässt, Haut noch intakt. Die Stelle kann wärmer oder kühler, härter oder weicher sein als die Umgebung. Bei dunkler Haut ist die Rötung schwer zu sehen – dann auf Verhärtung, Temperatur und Schmerz achten
2 Oberflächlicher Hautdefekt: Blase, Abschürfung, offene Stelle. Wie eine Schürfwunde
3 Tiefer Defekt bis ins Unterhautfettgewebe, oft mit Belag und Unterminierung. Knochen und Sehnen sind noch nicht sichtbar
4 Vollständiger Gewebeverlust bis auf Knochen, Sehne oder Muskel
Tiefe Gewebe­schädigung Bläulich-violette Verfärbung unter intakter Haut oder blutgefüllte Blase. Trügerisch: Der Schaden liegt tief und wird sich in den nächsten Tagen öffnen

Der Fingertest – in fünf Sekunden gemacht

Mit dem Finger für einige Sekunden auf die gerötete Stelle drücken. Wird die Haut unter dem Finger weiß und rötet sich danach wieder? Dann ist die Durchblutung noch in Ordnung – ein Warnsignal, aber noch kein Dekubitus. Bleibt die Rötung bestehen? Dann liegt bereits ein Dekubitus Kategorie 1 vor, und die Stelle muss ab sofort vollständig druckfrei bleiben.

Alternativ funktioniert der Test mit einem durchsichtigen Glas, das man auf die Stelle drückt.

Wer gefährdet ist

In der Pflege werden Skalen wie Braden oder Norton benutzt. Sie sind hilfreich, ersetzen aber nicht den klinischen Blick. Diese Punkte zählen:

Vorbeugen – was wirklich zählt

1. Bewegung, nicht nur Lagerung

Der wichtigste Grundsatz hat sich in den letzten Jahren verschoben: Es geht nicht mehr in erster Linie darum, jemanden nach Plan umzudrehen, sondern darum, eigene Bewegung zu fördern. Jede Minute Sitzen an der Bettkante, jeder Transfer, jeder Schritt entlastet mehr als jede Matratze.

2. Richtig positionieren

3. Die richtige Unterlage

4. Haut und Ernährung

⚠️ Was man auf keinen Fall tun sollte
  • Gerötete Stellen massieren oder reiben – das schädigt das ohnehin angegriffene Gewebe zusätzlich. Ein hartnäckiger, überholter Ratschlag
  • Föhnen, eisen, mit Franzbranntwein oder Melkfett einreiben – alles überholt, alles schädlich
  • Ringkissen und Gummiringe – sie schnüren den Rand ab und verursachen genau dort neue Schäden
  • Auf einer bestehenden Rötung weiterliegen lassen, weil sie „nur leicht“ ist
  • Mehrere Lagen Inkontinenzmaterial und Unterlagen stapeln – das staut Wärme und Feuchtigkeit

Wenn doch ein Dekubitus da ist

Sofort ärztlich melden bei: zunehmender Rötung im Umfeld, Überwärmung, starkem Geruch, Eiter, Fieber oder plötzlicher Verschlechterung des Allgemeinzustands – das können Zeichen einer Infektion sein.

Andere chronische Wunden im Alter

Das offene Bein (Ulcus cruris)

Meist am Unterschenkel, oft über Jahre. Die Unterscheidung ist entscheidend, weil die Behandlung genau entgegengesetzt ist:

Venös (rund 80 %)
  • Meist innen am Knöchel
  • Bein geschwollen, braun verfärbt, Haut verhärtet
  • Besser bei Hochlagerung
  • Kompression ist die Behandlung
Arteriell
  • Eher am Fuß, an Zehen und Ferse
  • Bein blass, kühl, Fußpuls schwach
  • Schmerzen im Liegen, besser bei Tieflagerung
  • Kompression kann gefährlich sein

Deshalb gehört vor jeder Kompression die Durchblutung geprüft (Knöchel-Arm-Index). Das ist keine Formalie – eine Kompression am arteriell versorgten Bein kann zum Gewebeuntergang führen.

Der diabetische Fuß

Entsteht aus Nervenschädigung und schlechter Durchblutung: Verletzungen werden nicht gespürt und heilen schlecht. Ausführlich unter Typ-2-Diabetes. Der wichtigste Punkt bleibt die tägliche Fußkontrolle.

Was Angehörige und Pflegende tun können

🖨️ Merkblatt zum Mitnehmen: Die Warnzeichen und das Wichtigste für Angehörige auf einer Seite – zum Ausdrucken für den Kühlschrank oder zum Weitergeben. Merkblatt als PDF

Passend dazu

Die Haut · Inkontinenz · Mangelernährung · Hilfsmittel · Fixierungsfreie Pflege · Expertenstandard Dekubitusprophylaxe

⚕️ Diese Erklärungen ersetzen keine fachliche Wundversorgung. Ein bestehender Dekubitus gehört ärztlich beurteilt und fachgerecht behandelt – bei Rötung im Umfeld, Geruch, Eiter oder Fieber umgehend.

Quellen

Neben meiner Erfahrung aus über 20 Jahren Altenpflege beruht diese Seite auf den folgenden Fachquellen. Die Links führen zum jeweiligen Original.

  1. Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege – DNQP, 2. Aktualisierung 2017
  2. Expertenstandard Erhaltung und Förderung der Hautintegrität in der Pflege – DNQP, 2024
  3. Expertenstandard Pflege von Menschen mit chronischen Wunden – DNQP, 2. Aktualisierung 2025
  4. International Guideline: Prevention and Treatment of Pressure Ulcers/Injuries – EPUAP, NPIAP und PPPIA, 4. Auflage 2025

Tobias Hoffmann – examinierter Pfleger, seit über 20 Jahren in der Altenpflege, Praxisanleiter und Qualitätsbeauftragter. Mehr über mich und woher die Inhalte kommen

Stand: Oktober 2026. Diese Seite wird wöchentlich auf Änderungen geprüft – so arbeite ich.