Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache in Deutschland – und im Alter kaum jemand ganz verschont. Die gute Nachricht: Kaum ein anderer Bereich lässt sich so wirksam beeinflussen. Diese Seite erklärt die vier wichtigsten Krankheitsbilder, ihre Warnzeichen und was im Alltag wirklich hilft. Wie das Herz arbeitet und was sich im Alter normalerweise verändert, steht unter Das Herz.
- Starke Schmerzen oder Druck hinter dem Brustbein, länger als fünf Minuten – oft ausstrahlend in Arm, Hals, Kiefer, Rücken oder Oberbauch
- Plötzliche schwere Atemnot, kalter Schweiß, Todesangst
- Übelkeit und Erbrechen zusammen mit Engegefühl in der Brust
- Plötzliche Bewusstlosigkeit
Wichtig: Bei Frauen und bei älteren Menschen verläuft ein Herzinfarkt oft untypisch – ohne die klassischen Brustschmerzen, dafür mit Atemnot, Übelkeit, Schwäche oder Oberbauchbeschwerden. Auch Menschen mit Diabetes spüren wegen geschädigter Nerven oft weniger Schmerz. Im Zweifel immer den Notruf wählen – lieber einmal zu viel.
Bluthochdruck (Hypertonie)
Der häufigste Risikofaktor überhaupt – und der tückischste, weil er nicht weh tut. Etwa jeder zweite Mensch über 60 ist betroffen, viele wissen es nicht. Dauerhaft erhöhter Druck schädigt über Jahre die Gefäße und belastet Herz, Gehirn, Nieren und Augen.
Ab wann ist der Blutdruck zu hoch?
Als Bluthochdruck gilt ein Wert ab 140/90 mmHg, gemessen in Ruhe und an mehreren Tagen. Der optimale Zielwert wird individuell festgelegt – bei sehr alten oder gebrechlichen Menschen wird bewusst weniger streng eingestellt, weil ein zu niedriger Druck Schwindel und Stürze begünstigt. Das ist kein Nachlassen der Behandlung, sondern gute Medizin.
Warnzeichen
Meist keine – das ist das Problem. Möglich sind Kopfschmerzen (besonders morgens), Schwindel, Nasenbluten, Ohrensausen, Nervosität. Die Diagnose stellt fast immer das Messgerät, nicht das Gefühl.
Was hilft
- Regelmäßig messen – am besten morgens vor den Medikamenten und abends, immer im Sitzen nach fünf Minuten Ruhe, Manschette auf Herzhöhe. Werte in ein Blutdruckheft eintragen; das ist für den Arzt Gold wert.
- Medikamente zuverlässig nehmen – auch und gerade wenn die Werte gut sind. Sie sind gut, weil die Tabletten wirken.
- Salz reduzieren: weniger Fertigprodukte, Wurst, Käse, Brot – dort steckt der meiste Salz, nicht im Salzstreuer
- Bewegung: schon dreißig Minuten zügiges Gehen an den meisten Tagen senkt den Druck messbar
- Gewicht, Alkohol, Rauchen – jeder dieser Punkte wirkt sich direkt aus
Herzschwäche (Herzinsuffizienz)
Das Herz schafft es nicht mehr, genug Blut durch den Körper zu pumpen. Ursache sind meist jahrelanger Bluthochdruck, ein überstandener Herzinfarkt, Herzklappenfehler oder Rhythmusstörungen. Herzschwäche ist einer der häufigsten Gründe für Krankenhausaufenthalte im Alter – und viele davon wären vermeidbar. Ausführlich mit Behandlung und Pflege: Herzschwäche.
Warnzeichen
- Atemnot – zuerst bei Belastung, später schon in Ruhe; nachts oft besser mit erhöhtem Oberkörper
- Geschwollene Beine und Knöchel, besonders abends – Druck mit dem Finger hinterlässt eine Delle
- Rasche Gewichtszunahme – mehr als zwei Kilo in drei Tagen bedeutet Wasser, nicht Fett
- Nächtlicher Harndrang, weil eingelagertes Wasser im Liegen ausgeschieden wird
- Leistungsknick, Müdigkeit, Appetitlosigkeit
- Nächtlicher Husten im Liegen
Der wichtigste Tipp: tägliches Wiegen
Jeden Morgen nach dem Toilettengang, vor dem Frühstück, in gleicher Kleidung, auf derselben Waage – und notieren. Eine Zunahme von mehr als 1 kg an einem Tag oder mehr als 2 kg in drei Tagen ist ein Alarmsignal: Der Körper lagert Wasser ein, die Herzschwäche verschlechtert sich. Wer das früh bemerkt und den Arzt informiert, verhindert oft einen Krankenhausaufenthalt. Diese eine Gewohnheit ist wirksamer als vieles andere.
Was sonst hilft
- Medikamente exakt wie verordnet – gerade die entwässernden Mittel nicht eigenmächtig weglassen
- Trinkmenge mit dem Arzt absprechen (oft begrenzt), salzarm essen
- Bewegung nach Maß – Herzsportgruppen sind ausdrücklich empfohlen
- Beine hochlagern, Kompressionsstrümpfe nach ärztlicher Anweisung
- Impfungen gegen Grippe und Pneumokokken – Infekte verschlechtern eine Herzschwäche erheblich
Vorhofflimmern
Die häufigste Herzrhythmusstörung im Alter. Die Vorhöfe schlagen nicht mehr geordnet, sondern zittern unkoordiniert. Das ist an sich nicht lebensbedrohlich – aber im Vorhof kann sich Blut stauen und gerinnen. Wird ein solches Gerinnsel fortgeschwemmt, droht ein Schlaganfall. Vorhofflimmern ist eine der wichtigsten Ursachen für Schlaganfälle durch ein Blutgerinnsel. Ausführlich: Vorhofflimmern.
Warnzeichen
- Herzstolpern, Herzrasen, unregelmäßiger Puls
- Plötzliche Leistungsschwäche, Schwindel, Atemnot
- Innere Unruhe, Angstgefühl
- Oder gar nichts – bei vielen älteren Menschen verläuft Vorhofflimmern völlig unbemerkt und wird zufällig entdeckt
Ein einfacher Selbsttest: den Puls am Handgelenk eine Minute lang tasten. Ist er unregelmäßig, gehört das abgeklärt. Viele Blutdruckmessgeräte zeigen Rhythmusstörungen automatisch an.
Behandlung
Zwei Ziele stehen im Vordergrund: den Schlaganfall verhindern und den Rhythmus beziehungsweise die Frequenz kontrollieren.
- Gerinnungshemmung: Ob eine Blutverdünnung nötig ist, entscheidet der Arzt anhand des individuellen Risikos (Alter, Blutdruck, Diabetes, frühere Schlaganfälle und weitere Faktoren). Diese Medikamente sind der wirksamste Schutz vor einem Schlaganfall – aber sie erhöhen das Blutungsrisiko. Deshalb: nie eigenmächtig absetzen, und vor Operationen oder Zahnbehandlungen immer angeben.
- Frequenz- oder Rhythmuskontrolle mit Medikamenten, in geeigneten Fällen auch eine Katheterablation, bei der die auslösenden Bereiche im Herzen verödet werden.
Durchblutungsstörungen (Arteriosklerose, KHK, pAVK)
Über Jahre lagern sich Fett und Kalk in den Gefäßwänden ab, die Arterien werden enger und starrer. Je nachdem, wo das passiert, entstehen unterschiedliche Krankheitsbilder.
Am Herzen: die koronare Herzkrankheit (KHK)
Verengte Herzkranzgefäße führen zu Sauerstoffmangel im Herzmuskel. Typisch ist die Angina pectoris: Druck oder Enge hinter dem Brustbein bei Anstrengung, Kälte oder Aufregung, die in Ruhe wieder nachlässt. Verschließt sich ein Gefäß vollständig, kommt es zum Herzinfarkt.
An den Beinen: die pAVK („Schaufensterkrankheit“)
Schmerzen in Waden oder Oberschenkeln beim Gehen, die zum Stehenbleiben zwingen und in Ruhe nachlassen. Der Name kommt daher, dass Betroffene die Pausen gern vor Schaufenstern einlegen. Weitere Zeichen: kalte, blasse Füße, fehlende Behaarung, brüchige Nägel, schlecht heilende Wunden. Die pAVK ist ein Warnsignal – wer sie hat, hat meist auch anderswo verengte Gefäße.
Was hilft
- Gehtraining bei pAVK – das wirksamste Mittel überhaupt: regelmäßig bis kurz vor die Schmerzgrenze gehen, Pause, weitergehen. Der Körper bildet Umgehungsgefäße.
- Rauchstopp – nirgends wirkt er so schnell und deutlich
- Blutfette, Blutdruck und Blutzucker konsequent einstellen
- Sorgfältige Fußpflege, besonders bei zusätzlichem Diabetes
- Bei starken Verengungen: Aufdehnung mit Stent oder Bypass-Operation
Wie wird untersucht?
- Blutdruckmessung – in der Praxis, zu Hause und als 24-Stunden-Messung, die auch die Nachtwerte erfasst
- EKG – in Ruhe, als Belastungs-EKG oder als Langzeit-EKG über 24 bis 72 Stunden, um Rhythmusstörungen aufzuspüren
- Echokardiografie (Herzultraschall) – zeigt Pumpleistung, Herzklappen und Wandbewegungen; die wichtigste Untersuchung bei Verdacht auf Herzschwäche
- Blutwerte – Cholesterin, Blutzucker, Nierenwerte, Elektrolyte und der Herzschwäche-Marker BNP/NT-proBNP
- Ultraschall der Gefäße (Doppler) an Hals und Beinen
- Herzkatheter – bei Verdacht auf verengte Herzkranzgefäße; Diagnose und Behandlung (Stent) sind oft im selben Eingriff möglich
Wie wird behandelt?
Die Behandlung steht auf zwei Beinen: Medikamente und Lebensstil. Beides zusammen wirkt deutlich besser als jedes für sich – und in kaum einem anderen Bereich der Medizin lässt sich mit dem eigenen Verhalten so viel bewirken.
Die wichtigsten Medikamentengruppen
Fast jeder Herzpatient nimmt mehrere Mittel. Das wirkt viel, hat aber System – jede Gruppe hat eine andere Aufgabe:
- ACE-Hemmer und Sartane (Ramipril, Enalapril, Candesartan, Valsartan): senken den Blutdruck und entlasten das Herz. Typische Nebenwirkung der ACE-Hemmer ist ein trockener Reizhusten – wer davon geplagt wird, kann meist auf ein Sartan wechseln. Das ist kein Grund, still zu leiden.
- Betablocker (Metoprolol, Bisoprolol, Nebivolol): verlangsamen den Puls, entlasten das Herz, schützen nach Infarkt und bei Herzschwäche. Können müde machen und die Belastbarkeit senken – meist nur in den ersten Wochen. Niemals abrupt absetzen.
- Entwässernde Mittel (Diuretika) wie Torasemid oder HCT: schwemmen eingelagertes Wasser aus. Wichtig: Sie beeinflussen die Salze im Blut (vor allem Kalium und Natrium), deshalb sind regelmäßige Blutkontrollen nötig. Morgens einnehmen, sonst wird die Nacht unruhig.
- Kalziumantagonisten (Amlodipin): erweitern die Gefäße. Können zu geschwollenen Knöcheln führen – die dann leicht mit einer Herzschwäche verwechselt werden.
- Statine (Simvastatin, Atorvastatin): senken das Cholesterin und stabilisieren die Ablagerungen in den Gefäßen. Bei Muskelschmerzen unbedingt den Arzt ansprechen, nicht einfach weglassen – es gibt Alternativen.
- Gerinnungshemmer: ASS (Aspirin) nach Infarkt und bei Durchblutungsstörungen; bei Vorhofflimmern dagegen richtige Blutverdünner wie Apixaban, Rivaroxaban, Edoxaban oder Marcumar. Diese Mittel sind lebenswichtig, erhöhen aber das Blutungsrisiko – dazu unten mehr.
- Nitrate als Spray oder Kapsel: erweitern schnell die Herzkranzgefäße bei Angina-pectoris-Anfällen.
Wichtig im Umgang mit diesen Medikamenten
- Nie eigenmächtig absetzen oder Dosen verändern – auch nicht, wenn die Werte gut sind. Gerade Betablocker und Blutverdünner können beim plötzlichen Absetzen gefährlich werden.
- Blutverdünner immer angeben: vor Operationen, Zahnbehandlungen, Spritzen, auch beim Physiotherapeuten und Fußpfleger. Einen entsprechenden Ausweis stets bei sich tragen.
- Vorsicht bei Selbstmedikation: Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac erhöhen den Blutdruck, belasten die Nieren und vertragen sich schlecht mit Blutverdünnern. Vor jedem freiverkäuflichen Mittel den Arzt oder Apotheker fragen. Auch pflanzliche Präparate wie Johanniskraut können Wechselwirkungen auslösen.
- Regelmäßiger Medikamentencheck: Wer fünf oder mehr Präparate nimmt, sollte die Liste mindestens einmal jährlich mit Arzt oder Apotheker durchgehen. Nicht selten lässt sich etwas streichen.
Eingriffe und Operationen
- Stent: Über einen Katheter wird ein verengtes Gefäß aufgedehnt und mit einem Röhrchen offengehalten – meist ohne Vollnarkose, kurzer Krankenhausaufenthalt.
- Bypass-Operation: Bei mehreren oder ungünstig gelegenen Verengungen wird das Gefäß umgangen. Größerer Eingriff mit anschließender Reha.
- Katheterablation: Bei Vorhofflimmern werden die auslösenden Bereiche im Herzen gezielt verödet.
- Herzschrittmacher bei zu langsamem Puls, Defibrillator (ICD) bei hohem Risiko für lebensbedrohliche Rhythmusstörungen.
- Herzklappen: Undichte oder verengte Klappen lassen sich heute oft über einen Katheter ersetzen (TAVI) – auch bei sehr alten Menschen, für die eine offene Operation zu belastend wäre.
Was die Medikamente nicht leisten können
Kein Mittel ersetzt das, was man selbst tut. Rauchstopp, Bewegung, Gewicht, salzarme Ernährung und behandelter Blutzucker wirken bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen so stark wie kaum eine Tablette. Besonders eindrücklich: Nach einem Rauchstopp sinkt das Herzinfarktrisiko schon innerhalb des ersten Jahres deutlich – unabhängig davon, wie lange jemand vorher geraucht hat.
Herzsportgruppen und Reha sind ausdrücklich empfohlen und werden von den Kassen bezahlt. Dort wird unter Aufsicht trainiert – das nimmt vielen die Angst vor Belastung, die nach einem Infarkt völlig normal ist.
Was Angehörige und Pflegende tun können
- Medikamenteneinnahme unterstützen: Wochendosierer, feste Zeiten, Erinnerungen. Herz-Kreislauf-Medikamente wirken nur bei regelmäßiger Einnahme – und viele Verschlechterungen entstehen schlicht durch vergessene Tabletten. Was zu tun ist, wenn eine Einnahme vergessen wurde: Dosis vergessen.
- Werte dokumentieren: Blutdruck, Puls und bei Herzschwäche das tägliche Gewicht. Ein einfaches Heft reicht und macht Veränderungen sichtbar.
- Auf Veränderungen achten: zunehmende Atemnot, dickere Beine, plötzliche Gewichtszunahme, neue Verwirrtheit oder auffällige Müdigkeit – all das gehört gemeldet.
- Bewegung fördern statt schonen: Angst vor Belastung ist verständlich, aber Schonung schadet. Was der Arzt erlaubt, sollte auch getan werden.
- Notfallzeichen kennen – siehe Kasten oben. Im Zweifel 112, nicht abwarten und nicht selbst ins Krankenhaus fahren.
- Medikamentenliste bereithalten: aktuell, vollständig, immer griffbereit – im Notfall ist sie für den Rettungsdienst entscheidend.
🖨️ Merkblatt zum Mitnehmen: Die Warnzeichen und das Wichtigste für Angehörige auf einer Seite – zum Ausdrucken für den Kühlschrank oder zum Weitergeben. Merkblatt als PDF
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Quellen
Neben meiner Erfahrung aus über 20 Jahren Altenpflege beruht diese Seite auf den folgenden Fachquellen. Die Links führen zum jeweiligen Original.
- Nationale VersorgungsLeitlinie Hypertonie – Bundesärztekammer, KBV und AWMF, Version 1.0, 2023
- Nationale VersorgungsLeitlinie Chronische Herzinsuffizienz – Bundesärztekammer, KBV und AWMF, Version 4 (2023)
- 2024 ESC Guidelines for the management of atrial fibrillation – European Society of Cardiology, European Heart Journal 2024;45:3314–3414
- Nationale VersorgungsLeitlinie Chronische KHK – Bundesärztekammer, KBV und AWMF, Version 7, 2024
- S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit – Deutsche Gesellschaft für Angiologie u. a., AWMF-Register 065-003, 2024
Tobias Hoffmann – examinierter Pfleger, seit über 20 Jahren in der Altenpflege, Praxisanleiter und Qualitätsbeauftragter. Mehr über mich und woher die Inhalte kommen