Blutarmut im Alter (Anämie)
Wer ständig müde ist, schnell außer Atem kommt oder unsicher auf den Beinen wird, hat im Alter nicht selten eine Blutarmut. Sie ist keine Krankheit für sich, sondern ein Zeichen: Irgendwo fehlt etwas oder geht etwas verloren. Deshalb reicht es nicht, einfach Eisen zu nehmen – die Ursache muss gesucht werden. Diese Seite erklärt, woran du eine Blutarmut erkennst, welche Ursachen im Alter häufig sind, was untersucht wird und wie Eisen- und Vitamin-B12-Tabletten richtig eingenommen werden.
Was ist Blutarmut?
Die roten Blutkörperchen transportieren mit ihrem roten Farbstoff, dem Hämoglobin, Sauerstoff in den ganzen Körper. Bei einer Blutarmut enthält das Blut deutlich weniger rote Blutkörperchen oder Hämoglobin als normal. Dann kommt überall weniger Sauerstoff an.
Gemessen wird das im Blutbild. Nach der Weltgesundheitsorganisation liegt eine Blutarmut vor, wenn der Hämoglobinwert bei Männern unter 13 g/dl und bei Frauen unter 12 g/dl liegt.
Wie häufig? In Deutschland haben etwa 10 von 100 Menschen eine Blutarmut. Mit dem Alter wird sie häufiger: Nach Schätzungen hat etwa jeder vierte 85-Jährige eine Blutarmut. Menschen ab 65 sind laut gesund.bund.de schon bei einer leichten Blutarmut körperlich weniger leistungsfähig und haben ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzschwäche oder Herzinfarkt.
Woran man sie erkennt
- Müdigkeit und Schwäche, schnelle Erschöpfung
- Blässe der Haut und der Innenseite der Unterlider
- Kurzatmigkeit bei Anstrengung, Herzklopfen oder schneller Puls
- Kopfschmerzen, Schwindel und Konzentrationsprobleme
- bei Eisenmangel manchmal brüchige Nägel und Haare oder eingerissene Mundwinkel
Bei älteren Menschen bringt die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie eine Blutarmut außerdem mit Gangunsicherheit, Stürzen, Muskelschwund, Problemen mit dem Denken (Kognition) und einer abnehmenden Selbstständigkeit im Alltag in Verbindung. Weil sich eine Blutarmut oft langsam entwickelt, werden diese Zeichen leicht für „das Alter“ gehalten. Mehr unter Schwindel im Alter und Stürze.
Sofort 112 rufen bei Brustschmerzen, Herzrasen mit Schwäche, sehr niedrigem Blutdruck oder Ohnmacht – und bei Zeichen einer Blutung im Magen-Darm-Trakt: Blut erbrechen, glänzend schwarzer, klebriger Stuhl (Teerstuhl) oder viel Blut im Stuhl.
Wichtig: Eisentabletten färben den Stuhl dunkel. Das ist harmlos. Kommen aber Schwäche, Schwindel, Blässe oder Kreislaufprobleme dazu, oder nimmt jemand Blutverdünner, lieber sofort ärztlich nachsehen lassen.
Praxis-Hinweis: Diese Notfallzeichen sind allgemeine Erste-Hilfe-Regeln, keine Aussagen der unten genannten Quellen. Mehr zu Blutungszeichen unter Magen und Darm.
Ursachen im Alter
Bei älteren Menschen kommen oft mehrere Ursachen zusammen. Die häufigsten:
- Eisenmangel – über alle Altersgruppen gesehen die häufigste Ursache, mit mindestens der Hälfte aller Fälle, und auch im Alter häufig. Er entsteht ganz überwiegend durch Blutverlust. Aber auch wer sehr wenig isst, kann zu wenig Eisen aufnehmen. Typisch im Alter sind unbemerkte, chronische Blutungen im Magen-Darm-Trakt – auch ausgelöst durch Blutverdünner, ASS oder Schmerzmittel wie Ibuprofen und Diclofenac. Auch ein Darmkrebs oder seine Vorstufen können dahinterstecken.
- Vitamin-B12- oder Folsäuremangel. Das Risiko für einen B12-Mangel steigt mit dem Alter und bei rein pflanzlicher Ernährung. Auch Medikamente können ihn begünstigen: das Diabetesmittel Metformin, besonders zusammen mit Magenschutz-Tabletten (Protonenpumpenhemmern wie Pantoprazol). Ein B12-Mangel kann neben der Blutarmut auch Nerven schädigen – mit Kribbeln, Taubheit oder Gangunsicherheit – und die Psyche oder das Denken beeinträchtigen. Das wird leicht mit Folgen des Alters oder eines Diabetes verwechselt.
- Nierenschwäche: Bei chronischen Nierenerkrankungen fehlt oft das Hormon Erythropoetin, das die Blutbildung anregt. Dann entsteht eine Blutarmut. Mehr unter Nieren.
- Chronische Entzündungen, etwa bei Rheuma, und andere langwierige Krankheiten.
- Erkrankungen des Knochenmarks oder Blutkrebs – seltener, aber ein Grund, warum eine Blutarmut immer abgeklärt werden sollte.
Bei etwa einem Drittel der älteren Menschen mit Blutarmut bleibt die Ursache trotz Untersuchung unklar.
Was untersucht wird
- Blutbild: Hämoglobin, Zahl und Größe der roten Blutkörperchen.
- Eisenspeicher (Ferritin): der wichtigste Wert für einen Eisenmangel. Weil Ferritin bei Entzündungen ansteigt und einen Mangel verdecken kann, wird oft ein Entzündungswert (CRP) mitbestimmt.
- Vitamin B12 und Folsäure.
- Suche nach einer Blutung: Ist ein Eisenmangel nicht eindeutig erklärt, gehören eine Magen- und eine Darmspiegelung zum Standard. Ein Stuhltest auf verstecktes Blut reicht dafür nicht aus, weil er bei etwa der Hälfte der Darmkrebse unauffällig ist.
Die Fachinformation eines gängigen Eisenpräparats ist hier deutlich: Bei älteren Menschen mit zunächst nicht erklärbarem Eisenmangel oder Blutarmut muss vor der Behandlung sorgfältig nach der Ursache und der Blutungsquelle gesucht werden.
Behandlung
Behandelt wird immer zweierlei: die Ursache – etwa eine Blutungsquelle – und der Mangel selbst.
- Eisenmangel: meist mit Eisentabletten, die die Ärztin oder der Arzt verordnet. Sie werden laut Fachinformation so lange genommen, bis die Eisenspeicher wieder gefüllt sind – meist 3 bis 6 Monate, kontrolliert über den Ferritinwert. Der Blutwert bessert sich meist schon früher; trotzdem nicht vorzeitig aufhören. Werden Tabletten nicht vertragen oder wirken sie nicht, etwa bei schwerer Nierenschwäche, kann Eisen auch als Infusion gegeben werden. Mehr weiter unten.
- Vitamin-B12-Mangel: mit Spritzen oder mit hochdosierten Tabletten. Nach einer Cochrane-Übersicht können hochdosierte Tabletten kurzfristig ähnlich gut wirken wie Spritzen; die Studienlage dazu ist allerdings begrenzt. Was passt, entscheidet die Ärztin oder der Arzt.
- Nierenschwäche oder Krebs: Bei schwerer Blutarmut gibt es Medikamente, die die Bildung roter Blutkörperchen anregen.
- Starker Blutverlust: eine Bluttransfusion.
Nicht auf eigene Faust Eisen nehmen. Wer ohne Abklärung Eisen nimmt, schiebt die Suche nach der Ursache hinaus, etwa nach einer Blutung im Darm. Manche Stuhltests auf verstecktes Blut können unter Eisen außerdem fälschlich unauffällig ausfallen. Und bei einigen Erkrankungen, etwa wenn der Körper ohnehin zu viel Eisen speichert, darf gar kein Eisen genommen werden. Deshalb vorher immer mit der Ärztin oder dem Arzt sprechen.
Eisentabletten richtig einnehmen
Die folgenden Hinweise stammen aus der Fachinformation eines gängigen Eisenpräparats. Was für das verordnete Mittel gilt, steht im Beipackzettel – im Zweifel die Apotheke fragen.
- Nüchtern: morgens etwa eine Stunde vor dem Frühstück oder mit etwa zwei Stunden Abstand zu einer Mahlzeit, unzerkaut mit ausreichend Wasser. Kapseln nicht öffnen oder zerkleinern, ohne vorher die Apotheke zu fragen – wichtig bei Schluckstörungen.
- Nicht mit Kaffee, Tee, Milch oder Cola – sie hemmen die Aufnahme des Eisens.
- Abstand zu anderen Medikamenten, mindestens zwei Stunden: unter anderem zu Schilddrüsenhormon (L-Thyroxin) und zu Mitteln gegen Sodbrennen. Bei manchen Antibiotika gelten längere Abstände, oder sie dürfen gar nicht zusammen genommen werden – Ärztin, Arzt oder Apotheke fragen. Auch Magenschutz-Tabletten können die Aufnahme verringern. Mehr unter Medikamente und Nahrung.
- Nebenwirkungen: häufig Magenbeschwerden, Sodbrennen, Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung oder Durchfall. Der dunkle Stuhl ist harmlos. Bei Beschwerden nicht einfach absetzen, sondern in der Praxis ansprechen. Bei bekannten Magen- oder Darmgeschwüren oder entzündlichen Darmerkrankungen ist laut Fachinformation besondere Vorsicht nötig.
- Sicher aufbewahren: Eisentabletten können vor allem für Kinder gefährlich sein – Enkel im Haushalt bedenken.
Was Angehörige tun können
- Müdigkeit ernst nehmen: Neue Erschöpfung, Blässe, Luftnot oder Stürze sind ein Grund für ein Blutbild – nicht „einfach das Alter“.
- Medikationsplan mitnehmen: Wer Metformin oder dauerhaft Magenschutz-Tabletten nimmt, kann in der Praxis nach dem Vitamin-B12-Wert fragen. Bei Blutverdünnern auf Blutungszeichen achten.
- Einnahme organisieren: Eisentabletten zu einer festen Zeit mit Abstand zum Frühstück und zum Schilddrüsenhormon einplanen, zum Beispiel mit einer Tablettenbox.
- Auf das Essen achten: Wer wenig isst, nimmt auch wenig Eisen und Vitamine auf. Mehr unter Mangelernährung.
- Stürzen vorbeugen, solange die Blutwerte noch niedrig sind: langsam aufstehen, Hilfe beim Gehen anbieten.
Blutarmut in der Pflege
- Beobachten und weitergeben: zunehmende Blässe, Müdigkeit, Luftnot bei Belastung, schneller Puls, neue Verwirrtheit oder Stürze.
- Aus der Pflegepraxis – Stuhl beobachten: Unter Eisen ist dunkler Stuhl normal – glänzend schwarzer, klebriger Stuhl, Blut im Stuhl oder Erbrochenen dagegen sofort melden.
- Einnahmezeiten planen: Eisen nüchtern und mit Abstand zu L-Thyroxin, Mitteln gegen Sodbrennen und bestimmten Antibiotika – die Zeiten im Medikationsplan festhalten und mit Arzt oder Apotheke abstimmen.
- Aus der Pflegepraxis: Sturzrisiko neu einschätzen, wenn eine Blutarmut festgestellt wird.
- Aus der Pflegepraxis: Belastung beim Mobilisieren dosieren, Pausen einplanen und auf Luftnot oder Schwindel achten.
- Ernährung und Gewicht im Blick behalten und eine Mangelernährung früh erkennen.
Häufige Fragen
Ab welchem Wert spricht man von Blutarmut?
Nach der Weltgesundheitsorganisation bei einem Hämoglobinwert unter 13 g/dl bei Männern und unter 12 g/dl bei Frauen. Gemessen wird das im Blutbild.
Ist Blutarmut im Alter normal?
Sie ist im Alter häufig, etwa jeder vierte 85-Jährige ist betroffen. Normal ist sie aber nicht: Meist steckt eine Ursache dahinter, zum Beispiel ein Eisenmangel durch eine Blutung, ein Vitamin-B12-Mangel oder eine Nierenschwäche. Deshalb sollte eine Blutarmut immer abgeklärt werden.
Warum wird bei Eisenmangel eine Magen- und Darmspiegelung gemacht?
Weil Eisenmangel ganz überwiegend durch Blutverlust entsteht, im Alter oft durch unbemerkte Blutungen im Magen-Darm-Trakt. Dahinter können Magengeschwüre, Darmpolypen oder ein Darmkrebs stecken. Ein Stuhltest auf verstecktes Blut reicht zur Abklärung nicht aus.
Ist schwarzer Stuhl unter Eisentabletten gefährlich?
Ein dunkel gefärbter Stuhl unter Eisentabletten ist harmlos. Glänzend schwarzer, klebriger Stuhl zusammen mit Schwäche, Schwindel oder Kreislaufproblemen kann aber eine Blutung sein – dann sofort ärztlich abklären lassen, bei Ohnmacht oder Blut erbrechen 112.
Kann man Vitamin B12 auch als Tablette nehmen?
Ja, in hoher Dosis. Nach einer Cochrane-Übersicht können hochdosierte Tabletten kurzfristig ähnlich gut wirken wie Spritzen, die Studienlage ist aber begrenzt. Ob Tabletten oder Spritzen passen, entscheidet die Ärztin oder der Arzt.
Passend dazu
Nieren · Magen und Darm · Mangelernährung · Stürze · Schwindel im Alter · Medikamente und Nahrung
Quellen
Neben meiner Erfahrung aus über 20 Jahren Altenpflege beruht diese Seite auf den folgenden Fachquellen. Die Links führen zum jeweiligen Original.
- Onkopedia-Leitlinie Eisenmangel und Eisenmangelanämie – Hastka J., Metzgeroth G., Gattermann N., Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO), Stand April 2025
- Blutarmut (Anämie) – gesund.bund.de, Bundesministerium für Gesundheit mit IQWiG, Stand 13.07.2021
- Labordiagnostik: Eisenmangel – Kassenärztliche Bundesvereinigung, Stand 20.04.2023
- Anämie im Alter – ein geriatrisches Syndrom? Zweites Positionspapier der AG Anämie der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie – Röhrig G., Gütgemann I., Leischker A., Kolb G., Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 2018
- Metformin: Abnahme des Vitamin-B12-Spiegels – Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Drug Safety Mail 2022-34, 25.08.2022
- Oral vitamin B12 versus intramuscular vitamin B12 for vitamin B12 deficiency – Wang H. u. a., Cochrane Database of Systematic Reviews 2018
- Fachinformation ferro sanol duodenal 100 mg – Stand Januar 2024, Abschnitte 4.2 bis 4.5, 4.8 und 4.9: Einnahme, Gegenanzeigen, Warnhinweise bei älteren Menschen, Wechselwirkungen, Nebenwirkungen, Vergiftung bei Kindern
- ICD-10-GM D64: Sonstige Anämien – gesund.bund.de; D64.9 Anämie, nicht näher bezeichnet (Eisenmangel: D50, Vitamin-B12-Mangel: D51, Folsäuremangel: D52)
Tobias Hoffmann – examinierter Pfleger, seit über 20 Jahren in der Altenpflege, Praxisanleiter und Qualitätsbeauftragter. Mehr über mich und woher die Inhalte kommen