Die Nieren
Man kann die Hälfte seiner Nierenfunktion verlieren, ohne etwas davon zu merken. Kein Schmerz, keine Beschwerden – die Nieren haben eine große Reserve und melden sich erst spät. Etwa jeder zehnte Erwachsene in Deutschland hat eine chronische Nierenkrankheit, im höheren Lebensalter deutlich mehr, und die meisten wissen es nicht. Diese Seite erklärt, was die Nieren eigentlich leisten, was sich im Alter normalerweise verändert, woran man ein Problem erkennt – und welcher einfache Test dabei regelmäßig vergessen wird.
Was die Nieren tun
Die meisten Menschen denken bei Nieren an Urin. Das ist richtig, aber es ist der kleinste Teil der Geschichte.
Zwei Organe, jedes etwa faustgroß, links und rechts der Wirbelsäule auf Höhe der unteren Rippen. Durch sie fließen jeden Tag rund 1.500 Liter Blut. Daraus entstehen etwa 180 Liter Vorurin – und das meiste davon holt der Körper wieder zurück. Übrig bleiben ein bis zwei Liter.
Aber die Nieren sind keine Kläranlage. Sie sind eine Schaltzentrale:
- Sie regeln den Blutdruck – über ein Hormonsystem, das den Spannungszustand der Gefäße steuert.
- Sie steuern die Blutbildung – über das Hormon Erythropoetin, das dem Knochenmark meldet, wann rote Blutkörperchen gebraucht werden.
- Sie aktivieren das Vitamin D – erst durch die Niere wird es wirksam. Ohne das keine stabilen Knochen.
- Sie halten die Salze im Gleichgewicht – Kalium, Natrium, Kalzium und Phosphat.
- Sie regeln den Säure-Basen-Haushalt und scheiden Abbauprodukte und Medikamentenreste aus.
Wer das verstanden hat, versteht auch, warum eine Nierenschwäche so viele scheinbar unzusammenhängende Beschwerden macht: Blutarmut, Knochenprobleme, Bluthochdruck, Juckreiz, Müdigkeit. Das kommt alles aus derselben Quelle.
Was sich im Alter verändert – und was daran normal ist
Damit niemand unnötig erschrickt: Die Nierenleistung nimmt mit dem Alter ab, und das ist normal. Ab etwa vierzig verliert man jedes Jahr ein kleines Stück Filterleistung. Ein Achtzigjähriger hat schlicht nicht mehr die Kapazität eines Dreißigjährigen – und braucht sie in aller Regel auch nicht.
Auch die Fähigkeit, den Urin zu konzentrieren, lässt nach. Deshalb müssen ältere Menschen nachts häufiger zur Toilette, und deshalb trocknen sie bei Hitze oder Durchfall schneller aus als jüngere.
Wo die Grenze zur Krankheit verläuft
Von einer chronischen Nierenkrankheit spricht man erst, wenn der Zustand länger als drei Monate besteht und entweder die Filterleistung dauerhaft zu niedrig ist oder Eiweiß über den Urin verloren geht.
Der Unterschied zwischen „altersgemäß nachlassend“ und „krank“ liegt also nicht allein im Messwert, sondern darin, ob sich der Zustand verschlechtert – und ob eine Ursache dahintersteckt, gegen die man etwas tun kann.
Woran man merkt, dass etwas nicht stimmt
Weil die Nieren eine große Reserve haben, bleiben Beschwerden lange aus. Und wenn sie kommen, sind sie unspezifisch und werden gerne dem Alter zugeschrieben.
- Nachts mehrfach zur Toilette – oft eines der frühesten Zeichen
- Müdigkeit und Blässe – meist die Blutarmut, weil das Hormon für die Blutbildung fehlt
- Juckreiz ohne Hautausschlag, besonders an Rücken und Beinen
- Appetitlosigkeit, metallischer Geschmack, Übelkeit – kommt spät im Verlauf
- Geschwollene Knöchel abends, geschwollene Augenlider morgens
- Schaumiger Urin, der aussieht wie Bierschaum – ein Hinweis auf Eiweiß
- Unruhige Beine nachts
- Blutdruck, der sich schlechter einstellen lässt als früher
Kein einzelnes dieser Zeichen beweist etwas. Aber mehrere zusammen, bei einem Menschen mit Diabetes oder Bluthochdruck, gehören abgeklärt.
Der Test, der oft vergessen wird
Beim Hausarzt wird meist der Kreatinin-Wert im Blut bestimmt und daraus die geschätzte Filterleistung berechnet, die eGFR. Das ist richtig und gehört dazu.
Aber: Kreatinin ist ein Abbauprodukt der Muskeln. Wer wenig Muskelmasse hat – und das trifft auf viele ältere, schlanke Menschen zu, besonders auf Frauen – produziert wenig davon. Der Wert kann dann normal aussehen, obwohl die Niere längst deutlich eingeschränkt ist.
Deshalb braucht es einen zweiten Test, und der wird häufig übersehen: die Bestimmung von Eiweiß im Urin, fachlich der Albumin-Kreatinin-Quotient. Eine einfache Urinprobe.
Warum das wichtig ist: Eiweiß im Urin ist oft das allererste Zeichen einer Nierenschädigung – Jahre bevor die Filterleistung abfällt. Und es sagt zugleich etwas über das Herz-Kreislauf-Risiko aus. Die Fachgesellschaften empfehlen deshalb ausdrücklich, bei Risikogruppen beides zu bestimmen: Blut und Urin.
Der Satz für den Arzttermin
Nicht fragen „Sind meine Nierenwerte in Ordnung?“, sondern: „Wurde auch Eiweiß im Urin bestimmt?“
- Entzündungshemmende Schmerzmittel. Ibuprofen, Diclofenac und Verwandte. Frei verkäuflich, deshalb wirken sie harmlos. Über Wochen oder Monate eingenommen zählen sie zu den häufigsten vermeidbaren Ursachen für Nierenschäden im Alter. Wer wegen Arthrose dauerhaft dazu greift, sollte das ärztlich begleiten lassen – zu den Alternativen siehe Schmerz im Alter.
- Die gefährliche Dreierkombination: ein entzündungshemmendes Schmerzmittel plus eine Entwässerungstablette plus ein Blutdruckmittel aus der Gruppe der ACE-Hemmer oder Sartane. Jedes für sich vertretbar. Zusammen, noch dazu bei jemandem, der zu wenig trinkt, kann die Nierenfunktion binnen Tagen einbrechen.
- Krankheitstage. Bei Durchfall, Erbrechen, hohem Fieber oder großer Hitze trocknet der Körper aus. Für einige Medikamente gilt dann die Empfehlung, sie vorübergehend zu pausieren. Das entscheidet immer die Ärztin oder der Arzt – aber man sollte vorher fragen: „Welche meiner Tabletten soll ich weglassen, wenn ich Durchfall habe?“
Und vor Untersuchungen mit Kontrastmittel gehört die Nierenfunktion bekannt. Sag es im Krankenhaus aktiv dazu, auch wenn niemand danach fragt.
Die häufigsten Erkrankungen der Nieren
Die beiden häufigsten Ursachen einer chronischen Nierenkrankheit sind selbst keine Nierenkrankheiten:
Diabetische Nierenschädigung
Steht an erster Stelle. Dauerhaft erhöhter Blutzucker schädigt die feinen Filtergefäße. Deshalb gehört die jährliche Nierenkontrolle zur Diabetesbehandlung dazu – mehr dazu unter Typ-2-Diabetes im Alter.
Bluthochdruckbedingte Nierenschädigung
Folgt direkt dahinter. Zu hoher Druck zerstört die Filter mechanisch – und geschädigte Nieren treiben den Blutdruck weiter hoch. Ein Kreis, der sich selbst antreibt. Siehe Herz-Kreislauf im Alter.
Harnwegsinfekte und Harnabflussstörungen
Wiederkehrende Infekte und ein gestörter Abfluss – bei Männern häufig durch die Prostata – können die Nieren dauerhaft schädigen. Verwandte Themen: Inkontinenz im Alter.
Akutes Nierenversagen
Ein plötzlicher Funktionsverlust, oft ausgelöst durch Flüssigkeitsmangel, Infekte, Medikamente oder Kontrastmittel. Anders als die chronische Form ist es häufig umkehrbar – wenn es rechtzeitig erkannt wird. Ein Warnzeichen ist deutlich weniger Urin als sonst. Bei älteren Menschen zeigt es sich manchmal zuerst als plötzliche Verwirrtheit, siehe Delir.
Entzündungen und angeborene Formen
Entzündungen der Nierenkörperchen sowie angeborene Zystennieren sind seltener, aber wichtige Ursachen – letztere treten familiär gehäuft auf.
Was den Nieren guttut
Lange konnte man bei einer Nierenschwäche wenig tun außer den Blutdruck einstellen und abwarten. Das hat sich geändert – bei kaum einer anderen Alterserkrankung ist in den letzten Jahren so viel passiert.
Ärztlich
- Blutdruck einstellen – angestrebt wird meist ein Wert um 130 zu 80, individuell angepasst. Das ist nach wie vor die Grundlage.
- ACE-Hemmer oder Sartane schützen die Niere zusätzlich, wenn Eiweiß im Urin nachweisbar ist.
- SGLT2-Hemmer – ursprünglich Diabetesmedikamente. Große Studien zeigen, dass sie den Verlust der Nierenfunktion deutlich bremsen, und zwar auch bei Menschen ohne Diabetes. Die aktuellen internationalen Leitlinien empfehlen sie mit der höchsten Empfehlungsstufe.
- Medikamentendosis anpassen. Bei eingeschränkter Nierenfunktion muss die Dosis vieler Mittel angepasst werden – bestimmte Antibiotika, Blutverdünner, Diabetesmedikamente. Ein guter Anlass für den jährlichen Medikamenten-Check.
Im Alltag
- Weniger Salz. Der größte Teil steckt nicht im Salzstreuer, sondern in Brot, Wurst, Käse und Fertigprodukten.
- Maßvoller Eiweißanteil – nicht eiweißarm, aber auch keine Eiweißpräparate ohne Rücksprache. Bei gleichzeitiger Mangelernährung gilt Vorrang für ausreichende Ernährung; das gehört ärztlich abgewogen.
- Rauchstopp und Bewegung – beides wirkt über die Gefäße auch auf die Nieren.
- Schmerzmittel nicht dauerhaft im Alleingang. Siehe Kasten oben.
Zum Trinken – ein häufiges Missverständnis
Die pauschale Empfehlung „drei Liter am Tag“ ist bei fortgeschrittener Nierenschwäche oder gleichzeitiger Herzschwäche falsch und kann schaden. Ebenso schädlich ist zu wenig Trinken. Die richtige Menge ist individuell und gehört mit der behandelnden Ärztin besprochen – gerade bei älteren Menschen, die ohnehin wenig Durst verspüren.
Wenn die Nieren versagen
Wenn die Nieren trotz Behandlung ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen, gibt es zwei Formen der Blutwäsche – und einen dritten Weg, über den zu selten gesprochen wird.
- Hämodialyse – meist dreimal pro Woche für vier bis fünf Stunden im Dialysezentrum.
- Bauchfelldialyse – kann zu Hause durchgeführt werden und erlaubt mehr Selbstständigkeit im Alltag.
- Konservative Behandlung ohne Dialyse – bei sehr alten, gebrechlichen Menschen ist die Dialyse nicht automatisch die bessere Entscheidung. Sie ist anstrengend, sie bestimmt den Wochenrhythmus, und der Gewinn an Lebenszeit kann in dieser Gruppe gering ausfallen bei deutlichem Verlust an Lebensqualität. Die konservative Behandlung ist dann kein Aufgeben, sondern eine gleichwertige, bewusst getroffene Entscheidung: Beschwerden werden behandelt, der Mensch bleibt zu Hause.
Wer vor dieser Frage steht, hat ein Recht darauf, dass beide Wege ehrlich erklärt werden. Unterstützung dabei bietet auch die Palliativversorgung – die übrigens nicht erst am Lebensende beginnt.
Was Angehörige und Pflegende tun können
- Auf die Trinkmenge achten – besonders bei Hitze, Fieber, Durchfall oder Erbrechen. Ältere Menschen spüren wenig Durst und trocknen schnell aus.
- Die jährliche Kontrolle im Blick behalten, wenn Diabetes oder Bluthochdruck bekannt sind. Blut und Urin.
- Den Medikamentenplan aktuell halten und bei jedem Arzt- und Klinikbesuch vorzeigen – siehe Medikamentenplan zum Ausdrucken.
- Frei verkäufliche Schmerzmittel nicht als harmlos behandeln. Wenn jemand seit Wochen täglich dazu greift, gehört das besprochen.
- Bei plötzlicher Verwirrtheit, deutlich weniger Urin oder rascher Verschlechterung zügig ärztliche Hilfe holen – das kann ein akutes Nierenversagen sein.
- Bei fortgeschrittener Nierenkrankheit kann ein Pflegegrad berechtigt sein, besonders wenn Dialysetermine den Alltag bestimmen. Die Fahrten und die Erschöpfung danach gehören in ein Pflegetagebuch.
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Passend dazu
Typ-2-Diabetes · Herz-Kreislauf im Alter · Medikamente im Alter · Schmerz im Alter · Delir – akute Verwirrtheit · Krankheiten im Alter
Quellen
Neben meiner Erfahrung aus über 20 Jahren Altenpflege beruht diese Seite auf den folgenden Fachquellen. Die Links führen zum jeweiligen Original.
- Wie funktionieren die Nieren? – gesundheitsinformation.de (IQWiG)
- S3-Leitlinie zur Versorgung von Patient:innen mit chronischer, nicht nierenersatzpflichtiger Nierenkrankheit in der Hausarztpraxis – DEGAM, AWMF-Register 053-048, Aktualisierung 2024
- KDIGO 2024 Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease – Kidney Disease: Improving Global Outcomes, Kidney International 2024
Tobias Hoffmann – examinierter Pfleger, seit über 20 Jahren in der Altenpflege, Praxisanleiter und Qualitätsbeauftragter. Mehr über mich und woher die Inhalte kommen