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Die Nieren

Man kann die Hälfte seiner Nierenfunktion verlieren, ohne etwas davon zu merken. Kein Schmerz, keine Beschwerden – die Nieren haben eine große Reserve und melden sich erst spät. Etwa jeder zehnte Erwachsene in Deutschland hat eine chronische Nierenkrankheit, im höheren Lebensalter deutlich mehr, und die meisten wissen es nicht. Diese Seite erklärt, was die Nieren eigentlich leisten, was sich im Alter normalerweise verändert, woran man ein Problem erkennt – und welcher einfache Test dabei regelmäßig vergessen wird.

Was die Nieren tun

Die meisten Menschen denken bei Nieren an Urin. Das ist richtig, aber es ist der kleinste Teil der Geschichte.

Zwei Organe, jedes etwa faustgroß, links und rechts der Wirbelsäule auf Höhe der unteren Rippen. Durch sie fließen jeden Tag rund 1.500 Liter Blut. Daraus entstehen etwa 180 Liter Vorurin – und das meiste davon holt der Körper wieder zurück. Übrig bleiben ein bis zwei Liter.

Aber die Nieren sind keine Kläranlage. Sie sind eine Schaltzentrale:

Wer das verstanden hat, versteht auch, warum eine Nierenschwäche so viele scheinbar unzusammenhängende Beschwerden macht: Blutarmut, Knochenprobleme, Bluthochdruck, Juckreiz, Müdigkeit. Das kommt alles aus derselben Quelle.

Die Niere zweimal vorhanden – mit fünf Aufgaben Blut filtern Abbauprodukte und Medikamentenreste hinaus Blutdruck regeln über ein eigenes Hormonsystem Blutbildung steuern sonst entsteht eine Blutarmut Vitamin D aktivieren erst dann wirkt es am Knochen Salze im Gleichgewicht Kalium, Natrium, Kalzium Deshalb macht eine Nierenschwäche so viele verschiedene Beschwerden.
Die Nieren sind keine Kläranlage, sondern eine Schaltzentrale mit fünf Aufgaben.

Was sich im Alter verändert – und was daran normal ist

Damit niemand unnötig erschrickt: Die Nierenleistung nimmt mit dem Alter ab, und das ist normal. Ab etwa vierzig verliert man jedes Jahr ein kleines Stück Filterleistung. Ein Achtzigjähriger hat schlicht nicht mehr die Kapazität eines Dreißigjährigen – und braucht sie in aller Regel auch nicht.

Auch die Fähigkeit, den Urin zu konzentrieren, lässt nach. Deshalb müssen ältere Menschen nachts häufiger zur Toilette, und deshalb trocknen sie bei Hitze oder Durchfall schneller aus als jüngere.

Wo die Grenze zur Krankheit verläuft

Von einer chronischen Nierenkrankheit spricht man erst, wenn der Zustand länger als drei Monate besteht und entweder die Filterleistung dauerhaft zu niedrig ist oder Eiweiß über den Urin verloren geht.

Der Unterschied zwischen „altersgemäß nachlassend“ und „krank“ liegt also nicht allein im Messwert, sondern darin, ob sich der Zustand verschlechtert – und ob eine Ursache dahintersteckt, gegen die man etwas tun kann.

Woran man merkt, dass etwas nicht stimmt

Weil die Nieren eine große Reserve haben, bleiben Beschwerden lange aus. Und wenn sie kommen, sind sie unspezifisch und werden gerne dem Alter zugeschrieben.

Kein einzelnes dieser Zeichen beweist etwas. Aber mehrere zusammen, bei einem Menschen mit Diabetes oder Bluthochdruck, gehören abgeklärt.

Der Test, der oft vergessen wird

Beim Hausarzt wird meist der Kreatinin-Wert im Blut bestimmt und daraus die geschätzte Filterleistung berechnet, die eGFR. Das ist richtig und gehört dazu.

Aber: Kreatinin ist ein Abbauprodukt der Muskeln. Wer wenig Muskelmasse hat – und das trifft auf viele ältere, schlanke Menschen zu, besonders auf Frauen – produziert wenig davon. Der Wert kann dann normal aussehen, obwohl die Niere längst deutlich eingeschränkt ist.

Deshalb braucht es einen zweiten Test, und der wird häufig übersehen: die Bestimmung von Eiweiß im Urin, fachlich der Albumin-Kreatinin-Quotient. Eine einfache Urinprobe.

Warum das wichtig ist: Eiweiß im Urin ist oft das allererste Zeichen einer Nierenschädigung – Jahre bevor die Filterleistung abfällt. Und es sagt zugleich etwas über das Herz-Kreislauf-Risiko aus. Die Fachgesellschaften empfehlen deshalb ausdrücklich, bei Risikogruppen beides zu bestimmen: Blut und Urin.

Der Satz für den Arzttermin

Nicht fragen „Sind meine Nierenwerte in Ordnung?“, sondern: „Wurde auch Eiweiß im Urin bestimmt?“

⚠️ Drei Dinge, die Nieren im Alter schädigen – und vermeidbar wären

Und vor Untersuchungen mit Kontrastmittel gehört die Nierenfunktion bekannt. Sag es im Krankenhaus aktiv dazu, auch wenn niemand danach fragt.

Die häufigsten Erkrankungen der Nieren

Die beiden häufigsten Ursachen einer chronischen Nierenkrankheit sind selbst keine Nierenkrankheiten:

Diabetische Nierenschädigung

Steht an erster Stelle. Dauerhaft erhöhter Blutzucker schädigt die feinen Filtergefäße. Deshalb gehört die jährliche Nierenkontrolle zur Diabetesbehandlung dazu – mehr dazu unter Typ-2-Diabetes im Alter.

Bluthochdruckbedingte Nierenschädigung

Folgt direkt dahinter. Zu hoher Druck zerstört die Filter mechanisch – und geschädigte Nieren treiben den Blutdruck weiter hoch. Ein Kreis, der sich selbst antreibt. Siehe Herz-Kreislauf im Alter.

Harnwegsinfekte und Harnabflussstörungen

Wiederkehrende Infekte und ein gestörter Abfluss – bei Männern häufig durch die Prostata – können die Nieren dauerhaft schädigen. Verwandte Themen: Inkontinenz im Alter.

Akutes Nierenversagen

Ein plötzlicher Funktionsverlust, oft ausgelöst durch Flüssigkeitsmangel, Infekte, Medikamente oder Kontrastmittel. Anders als die chronische Form ist es häufig umkehrbar – wenn es rechtzeitig erkannt wird. Ein Warnzeichen ist deutlich weniger Urin als sonst. Bei älteren Menschen zeigt es sich manchmal zuerst als plötzliche Verwirrtheit, siehe Delir.

Entzündungen und angeborene Formen

Entzündungen der Nierenkörperchen sowie angeborene Zystennieren sind seltener, aber wichtige Ursachen – letztere treten familiär gehäuft auf.

Was den Nieren guttut

Lange konnte man bei einer Nierenschwäche wenig tun außer den Blutdruck einstellen und abwarten. Das hat sich geändert – bei kaum einer anderen Alterserkrankung ist in den letzten Jahren so viel passiert.

Ärztlich

Im Alltag

Zum Trinken – ein häufiges Missverständnis

Die pauschale Empfehlung „drei Liter am Tag“ ist bei fortgeschrittener Nierenschwäche oder gleichzeitiger Herzschwäche falsch und kann schaden. Ebenso schädlich ist zu wenig Trinken. Die richtige Menge ist individuell und gehört mit der behandelnden Ärztin besprochen – gerade bei älteren Menschen, die ohnehin wenig Durst verspüren.

Wenn die Nieren versagen

Wenn die Nieren trotz Behandlung ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen, gibt es zwei Formen der Blutwäsche – und einen dritten Weg, über den zu selten gesprochen wird.

Wer vor dieser Frage steht, hat ein Recht darauf, dass beide Wege ehrlich erklärt werden. Unterstützung dabei bietet auch die Palliativversorgung – die übrigens nicht erst am Lebensende beginnt.

Was Angehörige und Pflegende tun können

🖨️ Merkblatt zum Mitnehmen: Die Warnzeichen und das Wichtigste für Angehörige auf einer Seite – zum Ausdrucken für den Kühlschrank oder zum Weitergeben. Merkblatt als PDF

Passend dazu

Typ-2-Diabetes · Herz-Kreislauf im Alter · Medikamente im Alter · Schmerz im Alter · Delir – akute Verwirrtheit · Krankheiten im Alter

⚕️ Diese Erklärungen ersetzen keinen Arztbesuch. Medikamente niemals eigenmächtig absetzen oder pausieren – auch nicht bei Durchfall oder Fieber. Fragen Sie vorher in der Praxis nach, welche Mittel in solchen Situationen ausgesetzt werden sollen.

Quellen

Neben meiner Erfahrung aus über 20 Jahren Altenpflege beruht diese Seite auf den folgenden Fachquellen. Die Links führen zum jeweiligen Original.

  1. Wie funktionieren die Nieren? – gesundheitsinformation.de (IQWiG)
  2. S3-Leitlinie zur Versorgung von Patient:innen mit chronischer, nicht nierenersatzpflichtiger Nierenkrankheit in der Hausarztpraxis – DEGAM, AWMF-Register 053-048, Aktualisierung 2024
  3. KDIGO 2024 Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease – Kidney Disease: Improving Global Outcomes, Kidney International 2024

Tobias Hoffmann – examinierter Pfleger, seit über 20 Jahren in der Altenpflege, Praxisanleiter und Qualitätsbeauftragter. Mehr über mich und woher die Inhalte kommen

Stand: Oktober 2026. Diese Seite wird wöchentlich auf Änderungen geprüft – so arbeite ich. Angaben ohne Gewähr – im Zweifel gilt die Auskunft Ihrer Ärztin oder Ihres Arztes.