Vorhofflimmern
Etwa acht von hundert Menschen über 65 haben Vorhofflimmern – und mehr als die Hälfte hat zumindest anfangs keine oder nur unklare Beschwerden. Gefährlich ist es trotzdem: Vorhofflimmern erhöht das Risiko für einen Schlaganfall. Diese Seite erklärt, woran man Vorhofflimmern erkennt, warum das Pulsfühlen im Alter so wichtig ist, wie Blutverdünner schützen und worauf Angehörige und Pflegekräfte im Alltag mit Gerinnungshemmern achten. Wie das Herz arbeitet, steht unter Das Herz.
Was ist Vorhofflimmern?
Beim Vorhofflimmern schlagen die Vorhöfe des Herzens nicht mehr geordnet, sondern flimmern unkoordiniert. Das Herz schlägt dadurch unregelmäßig und oft so schnell, dass es weniger Blut in den Körper pumpt. Schätzungen zufolge sind etwa 2 Prozent der Bevölkerung betroffen, bei den über 65-Jährigen etwa 8 Prozent.
- Anfallsartig (paroxysmal): Das Flimmern hört meist innerhalb von etwa 48 Stunden von selbst wieder auf, spätestens nach 7 Tagen
- Anhaltend (persistierend): Es bleibt bestehen, bis es behandelt wird, etwa mit Medikamenten oder einem Stromstoß
- Dauerhaft (permanent): Der normale Rhythmus wird nicht mehr angestrebt; behandelt werden Puls und Schlaganfallrisiko
Alle Formen erhöhen das Schlaganfallrisiko – auch das anfallsartige Vorhofflimmern, das zwischendurch verschwindet.
Warnzeichen
- Herzklopfen – deutlich spürbare Herzschläge in der Brust oder am Hals. Das häufigste Anzeichen
- Herzrasen, unregelmäßiger Puls
- Plötzliche Leistungsschwäche, Atemnot bei Belastung
- Schwindel, innere Unruhe
- Oder gar nichts: Mehr als die Hälfte der Betroffenen hat – zumindest anfangs – keine oder nur unklare Beschwerden. Oft fällt das Vorhofflimmern erst zufällig beim Arzt auf – oder erst nach einem Schlaganfall
Ursachen und Folgen
Bei den meisten Menschen geht das Vorhofflimmern auf eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zurück: Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt oder Herzschwäche. Auch eine Überfunktion der Schilddrüse kann dahinterstecken – sie wird bei neu entdecktem Vorhofflimmern deshalb mit geprüft.
- Schlaganfall: In den flimmernden Vorhöfen fließt das Blut langsamer, es können sich Gerinnsel bilden. Werden sie mit dem Blutstrom ins Gehirn geschwemmt, droht ein Schlaganfall
- Herzschwäche: Pumpen die Vorhöfe nicht mehr richtig, muss der Rest des Herzens mehr leisten. Auf Dauer kann das Herz schwächer werden
Erkennen: Puls und EKG
- Puls fühlen: Am Handgelenk eine ganze Minute lang tasten. Ist der Puls unregelmäßig, gehört das ärztlich abgeklärt. Viele Blutdruckmessgeräte zeigen einen unregelmäßigen Herzschlag zusätzlich an
- Ab 65 bei jedem Arztkontakt: Die europäische Leitlinie empfiehlt, bei allen Menschen ab 65 Jahren den Herzrhythmus bei Kontakten mit dem Gesundheitswesen routinemäßig zu prüfen
- EKG: Mit einem EKG lässt sich Vorhofflimmern zuverlässig feststellen
- Langzeit-EKG: Tritt das Flimmern nur anfallsweise auf, zeigt ein kurzes EKG oft nichts. Dann hilft eine Aufzeichnung über einen oder mehrere Tage
Behandlung
Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie fasst die Behandlung in vier Bausteinen zusammen:
- Begleiterkrankungen behandeln: Bluthochdruck, Herzschwäche, Diabetes, Übergewicht, Schlafapnoe, zu viel Alkohol. Maßvolle Bewegung schadet bei Vorhofflimmern nach den bisherigen Studien nicht
- Schlaganfall verhindern: mit gerinnungshemmenden Medikamenten, wenn das Risiko erhöht ist (siehe unten)
- Beschwerden lindern: den zu schnellen Puls mit Medikamenten senken (Frequenzkontrolle) oder versuchen, den normalen Rhythmus wiederherzustellen (Rhythmuskontrolle) – mit Medikamenten, einem Stromstoß in Kurznarkose (Kardioversion) oder einer Katheterbehandlung, bei der auslösende Stellen im Herzen verödet werden (Katheterablation)
- Regelmäßig neu bewerten: Risiken und Behandlung ändern sich mit der Zeit
Wer braucht einen Blutverdünner?
Gerinnungshemmer zum Einnehmen (orale Antikoagulanzien) können das Schlaganfallrisiko sehr wirksam senken. Ob sie nötig sind, richtet sich nach einem Punktwert, dem CHA₂DS₂-VA-Score. Punkte gibt es für Herzschwäche, Bluthochdruck, Alter ab 65 (ab 75 doppelt), Diabetes, einen früheren Schlaganfall oder eine TIA (doppelt) und Gefäßerkrankungen.
- Ab 2 Punkten empfiehlt die europäische Leitlinie eine Blutverdünnung. Wer 75 oder älter ist, hat diese 2 Punkte allein durch das Alter
- Bei 1 Punkt wird sie erwogen
- Bevorzugt werden die neueren direkten Gerinnungshemmer (DOAK) wie Apixaban, Dabigatran, Edoxaban und Rivaroxaban. Phenprocoumon (Marcumar) bleibt für besondere Fälle, etwa bei einer mechanischen Herzklappe oder einer mittel- bis hochgradigen Verengung der Mitralklappe
- ASS allein ist kein Ersatz: Plättchenhemmer allein sind zum Schlaganfallschutz bei Vorhofflimmern nicht geeignet
Leben mit Blutverdünnern
Die wichtigste Nebenwirkung aller Gerinnungshemmer sind Blutungen. Deshalb gilt:
- Nie eigenmächtig absetzen – auch nicht bei blauen Flecken. Erst mit dem Arzt sprechen
- Regelmäßig und pünktlich einnehmen. Was zu tun ist, wenn eine Dosis vergessen wurde, steht im Beipackzettel – mehr unter Dosis vergessen
- Vor Operationen und beim Zahnarzt immer sagen, dass ein Blutverdünner genommen wird. Ob er pausiert wird, entscheidet der Arzt
- Schmerzmittel: Entzündungshemmende Schmerzmittel wie Ibuprofen, Diclofenac oder hochdosiertes ASS erhöhen zusammen mit Gerinnungshemmern das Blutungsrisiko. Vorher mit Arzt oder Apotheke absprechen
- Bei Phenprocoumon (Marcumar) wird der Gerinnungswert (INR) regelmäßig kontrolliert. Bei den DOAK ist das nicht nötig
- Einen aktuellen Medikationsplan und den Ausweis für Gerinnungshemmer bei sich tragen
- Nach einem Sturz mit Kopfanprall ärztlich abklären lassen, auch wenn es der Person gut geht – siehe Stürze
Notruf 112 bei Zeichen eines Schlaganfalls: hängender Mundwinkel, Lähmung oder Taubheit eines Arms, verwaschene Sprache, plötzliche Seh- oder Gleichgewichtsstörung. Jede Minute zählt – siehe Schlaganfall. Ebenso bei Brustschmerz, Ohnmacht oder schwerer Atemnot.
Unter Blutverdünnern sofort ärztlich abklären: Blutungen, die nicht aufhören, schwarzer Stuhl, Blut im Urin oder Erbrochenen, ein Sturz auf den Kopf.
Was Angehörige und Pflegende tun können
- Puls fühlen lernen und ab und zu eine Minute lang mitzählen – besonders, wenn sich jemand plötzlich schwächer, schwindelig oder kurzatmig fühlt
- Die Zeichen eines Schlaganfalls kennen und im Ernstfall sofort 112 wählen, nicht abwarten
- Bei der Einnahme helfen: Wochendosierer, feste Uhrzeiten, Erinnerungen. Gerinnungshemmer schützen nur, wenn sie regelmäßig genommen werden
- Mit zum Arzt gehen und fragen: Ist ein Blutverdünner nötig? Was tun bei einer vergessenen Dosis? Darf ein Schmerzmittel genommen werden?
- Stolperfallen beseitigen – unter Blutverdünnern sind Stürze besonders folgenreich. Mehr unter Stürze
Vorhofflimmern in der Pflege – worauf Pflegekräfte achten
- Puls immer eine volle Minute tasten und Regelmäßigkeit dokumentieren, nicht nur die Zahl
- Gerinnungshemmer pünktlich geben und Besonderheiten im Medikationsplan beachten
- Blutungszeichen beobachten: große blaue Flecken, Zahnfleischbluten, Nasenbluten, schwarzer Stuhl, rötlicher Urin – und melden
- Sturzrisiko einschätzen und Maßnahmen planen. Nach jedem Sturz mit Kopfanprall unter Blutverdünnern ärztlich abklären lassen
- Vor Eingriffen wie Zahnbehandlung oder Operation rechtzeitig klären, ob und wie der Gerinnungshemmer pausiert wird
- Schlaganfallzeichen kennen und das Vorgehen im Notfall im Team abgesprochen haben
- In der SIS festhalten, welche Beschwerden auftreten und was die Person selbst übernimmt – siehe SIS
Videos zum Thema
- Vorhofflimmern kurz und leicht erklärt (2025, knapp 2 Minuten)
- Blutverdünner ganz kurz erklärt (2025, Kurzvideo)
- Mythos: Ein Schlaganfall tut weh (Kurzvideo)
Die Videos von 2025 sind älter als diese Seite; einzelne Angaben können überholt sein. Maßgeblich ist der Text hier.
Häufige Fragen
Ist Vorhofflimmern gefährlich?
Vorhofflimmern selbst ist meist nicht unmittelbar lebensbedrohlich. Es erhöht aber das Risiko für einen Schlaganfall, weil sich in den flimmernden Vorhöfen Blutgerinnsel bilden können, und kann auf Dauer das Herz schwächen. Deshalb gehört es behandelt – auch wenn man nichts spürt.
Woran merke ich Vorhofflimmern?
Häufig an Herzklopfen, Herzrasen oder einem unregelmäßigen Puls, an Schwindel, Atemnot oder plötzlicher Leistungsschwäche. Mehr als die Hälfte hat aber – zumindest anfangs – keine oder nur unklare Beschwerden. Den Puls eine Minute lang zu tasten, ist ein einfacher Test – ein unregelmäßiger Puls gehört abgeklärt.
Muss ich bei Vorhofflimmern Blutverdünner nehmen?
Das richtet sich nach dem Schlaganfallrisiko, das mit dem CHA₂DS₂-VA-Score bestimmt wird. Ab 2 Punkten empfiehlt die europäische Leitlinie einen Gerinnungshemmer, bei 1 Punkt wird er erwogen. Wer 75 Jahre oder älter ist, hat die 2 Punkte allein durch das Alter.
Reicht ASS bei Vorhofflimmern?
Nein. Plättchenhemmer wie ASS allein sind zum Schutz vor einem Schlaganfall bei Vorhofflimmern nicht geeignet. Empfohlen sind Gerinnungshemmer, bevorzugt die direkten oralen Antikoagulanzien (DOAK).
Was ist der Unterschied zwischen Marcumar und den neuen Blutverdünnern?
Bei Phenprocoumon (Marcumar) muss der Gerinnungswert INR regelmäßig kontrolliert werden. Bei den direkten Gerinnungshemmern wie Apixaban, Dabigatran, Edoxaban oder Rivaroxaban ist das nicht nötig; sie werden bei Vorhofflimmern bevorzugt. Marcumar bleibt für besondere Fälle, etwa eine mechanische Herzklappe.
Darf man mit Vorhofflimmern Sport treiben?
Maßvolle körperliche Aktivität schadet nach den bisherigen Studien nicht. Wie viel Belastung passt, bespricht man am besten mit dem Arzt – vor allem, wenn zusätzlich eine Herzschwäche besteht.
Passend dazu
Das Herz · Herz-Kreislauf-Erkrankungen · Herzschwäche · Schlaganfall · Stürze · Medikamente im Alter
Quellen
Neben meiner Erfahrung aus über 20 Jahren Altenpflege beruht diese Seite auf den folgenden Fachquellen. Die Links führen zum jeweiligen Original.
- 2024 ESC Guidelines for the management of atrial fibrillation – European Society of Cardiology, European Heart Journal 2024
- Spotlight on the 2024 ESC/EACTS management of atrial fibrillation guidelines: 10 novel key aspects – Rienstra M. et al., Europace 2024
- Vorhofflimmern – Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
- Vorhofflimmern – Gesundheitsportal des Bundesministeriums für Gesundheit, in Zusammenarbeit mit dem IQWiG
- Was sind Gerinnungshemmer? – IQWiG
Tobias Hoffmann – examinierter Pfleger, seit über 20 Jahren in der Altenpflege, Praxisanleiter und Qualitätsbeauftragter. Mehr über mich und woher die Inhalte kommen