Die Schilddrüse
Sie ist kaum größer als eine Walnuss und beeinflusst trotzdem fast jede Zelle des Körpers. Im Alter ist die Schilddrüse ein besonderer Fall: Ihre Erkrankungen zeigen sich anders als bei Jüngeren und werden regelmäßig für Demenz, Depression oder eine Herzerkrankung gehalten. Gleichzeitig wird bei älteren Menschen häufig behandelt, wo Abwarten besser wäre. Diese Seite erklärt beides.
Was die Schilddrüse tut
Die Schilddrüse liegt vorn am Hals unterhalb des Kehlkopfs und bildet zwei Hormone, T3 und T4. Für deren Herstellung braucht sie Jod aus der Nahrung.
Diese Hormone bestimmen das Tempo des Stoffwechsels – also wie schnell der Körper Energie verbraucht. Sie wirken auf:
- Herzschlag und Blutdruck
- Körpertemperatur und Wärmeempfinden
- Verdauung und Darmtätigkeit
- Muskelkraft und Knochenstoffwechsel
- Stimmung, Antrieb und Konzentration
Gesteuert wird das Ganze über einen Regelkreis: Die Hirnanhangsdrüse misst die Hormonlage und schüttet TSH aus, das die Schilddrüse zur Arbeit antreibt. Deshalb ist der TSH-Wert der wichtigste Laborwert – und deshalb bedeutet ein hohes TSH eine Unterfunktion, nicht umgekehrt. Diese Umkehrung verwirrt viele.
Was sich im Alter verändert – und was daran normal ist
Hier liegt der wichtigste Punkt dieser Seite.
Der TSH-Wert steigt mit dem Alter ganz natürlich an. Was bei einem Vierzigjährigen auffällig wäre, kann bei einem Achtzigjährigen normal sein. Die hausärztliche Leitlinie arbeitet deshalb mit altersabhängigen Grenzwerten: bis etwa 70 Jahre gilt ein TSH über 4 als erhöht, zwischen 71 und 80 Jahren erst über 5, jenseits der 80 erst über 6.
Daraus folgt etwas Wichtiges: Ein leicht erhöhter TSH-Wert im hohen Alter ist häufig kein Behandlungsgrund. Große Studien konnten keinen Nutzen einer Hormongabe bei milder Unterfunktion älterer Menschen zeigen – weder für Lebensqualität noch für Beschwerden. Die Leitlinie hält fest, dass bei über 75-Jährigen mit einer latenten Unterfunktion auf eine Hormongabe verzichtet werden kann.
Und eine Übertherapie ist nicht harmlos: Wird zu viel Hormon gegeben, steigt das Risiko für Vorhofflimmern und für Knochenbrüche – zwei Dinge, die man im Alter unbedingt vermeiden will. Siehe Osteoporose und Das Herz.
Das heißt nicht, dass man nichts tun soll. Es heißt: Ein einzelner Laborwert reicht nicht. Er sollte wiederholt und im Zusammenhang mit den tatsächlichen Beschwerden bewertet werden.
Woran man merkt, dass etwas nicht stimmt
Im Alter sind die Zeichen oft untypisch und werden anderen Ursachen zugeschrieben.
Unterfunktion
- Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Verlangsamung – wird leicht für Altersdepression oder Demenz gehalten
- Kälteempfindlichkeit, trockene Haut, brüchige Haare
- Verstopfung
- Gewichtszunahme trotz unveränderter Ernährung
- Muskelschwäche und Muskelschmerzen
- Erhöhte Blutfettwerte
Überfunktion
- Bei älteren Menschen oft nur ein einziges Zeichen: ein unregelmäßiger, schneller Puls oder neu aufgetretenes Vorhofflimmern
- Gewichtsverlust trotz normalem Appetit
- Innere Unruhe – bei Älteren aber ebenso häufig Teilnahmslosigkeit und Rückzug. Diese stille Form wird besonders leicht übersehen.
- Muskelschwäche, Zittern, Schlafstörungen
- Die Schilddrüse läuft heiß. Hoher, unregelmäßiger Puls, Fieber, Unruhe oder Verwirrtheit, Erbrechen, manchmal Durchfall. Ausgelöst wird das im Alter häufig durch jodhaltiges Kontrastmittel, einen Infekt oder eine Operation. Das ist ein Notfall.
- Die Schilddrüse kommt zum Erliegen. Zunehmende Verlangsamung bis zur Schläfrigkeit, auffällige Kälte, sehr langsamer Puls, trockene teigige Haut. Das entwickelt sich über Tage und wird oft für „einfach müde“ gehalten. Auch das gehört sofort in ärztliche Hand.
Beides ist selten. Wichtig ist es trotzdem, weil beides gut behandelbar ist, wenn es rechtzeitig erkannt wird – und weil beides im Alter anders aussieht als im Lehrbuch.
Der praktische Punkt für den Alltag: Schilddrüsenhormone niemals selbst höher oder niedriger dosieren und nie einfach weglassen. Und vor jeder Untersuchung mit Kontrastmittel eine bekannte Schilddrüsenerkrankung von sich aus ansprechen, auch wenn niemand danach fragt.
Die häufigsten Erkrankungen der Schilddrüse
Unterfunktion (Hypothyreose)
Häufigste Ursache ist eine Autoimmunentzündung, die Hashimoto-Thyreoiditis. Frauen sind deutlich öfter betroffen. Die Behandlung mit Schilddrüsenhormon ist einfach – aber im Alter wird niedrig begonnen und langsam gesteigert, besonders bei bekannter Herzerkrankung.
Überfunktion (Hyperthyreose)
Im Alter meist durch heiße Knoten in einem Kropf verursacht, seltener durch die Basedow-Krankheit. Wichtig: Auch jodhaltige Kontrastmittel und das Herzmedikament Amiodaron können eine Überfunktion auslösen.
Knoten und Kropf
In Deutschland als früherem Jodmangelgebiet sehr verbreitet. Die allermeisten Knoten sind gutartig. Abgeklärt wird per Ultraschall, bei Bedarf mit einer Szintigraphie – einer Untersuchung, die zeigt, welche Bezirke der Schilddrüse besonders aktiv sind.
Schilddrüsenkrebs
Selten. Auffällig sind ein rasch wachsender, harter Knoten, Heiserkeit oder Schluckbeschwerden.
Was der Schilddrüse guttut
- Ausreichend Jod über jodiertes Speisesalz, Seefisch und Milchprodukte. Hochdosierte Jodpräparate dagegen nur nach ärztlicher Absprache – bei Knoten können sie eine Überfunktion auslösen.
- Schilddrüsenhormon richtig einnehmen: morgens nüchtern, mit Wasser, mindestens eine halbe Stunde vor dem Frühstück. Kalzium- und Eisenpräparate sowie Kaffee behindern die Aufnahme – Abstand halten.
- Nicht auf eigene Faust dosieren. Weder erhöhen noch weglassen, auch nicht bei Gewichtsproblemen.
- Bei neu aufgetretenem Vorhofflimmern die Schilddrüse prüfen lassen – das wird oft vergessen.
- Vor Untersuchungen mit jodhaltigem Kontrastmittel eine bekannte Schilddrüsenerkrankung immer angeben.
Was Angehörige und Pflegende tun können
- Die Einnahme absichern. Schilddrüsenhormon wirkt nur richtig, wenn es morgens nüchtern mit Wasser genommen wird, mindestens eine halbe Stunde vor dem Frühstück. Kaffee, Milch, Kalzium- und Eisenpräparate behindern die Aufnahme – Abstand halten. Mehr dazu unter Medikamente & Nahrung.
- Nichts eigenmächtig ändern. Weder erhöhen, weil jemand müde ist, noch weglassen, weil es besser geht. Beides kann im Alter Herz und Knochen schaden.
- Bei Teilnahmslosigkeit und Rückzug an die Schilddrüse denken. Im Alter sieht eine Überfunktion oft nicht aufgedreht aus, sondern still. Und eine Unterfunktion wird regelmäßig für Depression oder Demenz gehalten.
- Gelegentlich den Puls fühlen. Ein neu aufgetretener unregelmäßiger oder schneller Puls ist bei älteren Menschen manchmal das einzige Zeichen einer Überfunktion.
- Vor Untersuchungen mit Kontrastmittel Bescheid geben – im Krankenhaus, beim Radiologen, vor dem Herzkatheter. Auch wenn niemand danach fragt.
- Kontrolltermine im Blick behalten. Nach jeder Dosisänderung wird der Wert nach einigen Wochen erneut bestimmt, danach in größeren Abständen.
- Bei einem leicht erhöhten Wert im hohen Alter ruhig nachfragen: „Muss das behandelt werden, oder können wir das erst noch einmal kontrollieren?“ Das ist keine Besserwisserei, sondern entspricht der Leitlinie.
Passend dazu
Das Herz · Altersdepression · Osteoporose · Medikamente im Alter · Magen & Darm · Alle Organe im Überblick
Quellen
Neben meiner Erfahrung aus über 20 Jahren Altenpflege beruht diese Seite auf den folgenden Fachquellen. Die Links führen zum jeweiligen Original.
- Wie funktioniert die Schilddrüse? – gesundheitsinformation.de (IQWiG)
- S2k-Leitlinie Erhöhter TSH-Wert in der Hausarztpraxis – DEGAM, AWMF-Register 053-046, 2023
Tobias Hoffmann – examinierter Pfleger, seit über 20 Jahren in der Altenpflege, Praxisanleiter und Qualitätsbeauftragter. Mehr über mich und woher die Inhalte kommen