Austrocknung im Alter (Exsikkose)
Wer alt ist, hat oft kaum noch Durst – und trinkt deshalb zu wenig, ohne es zu merken. Ein Flüssigkeitsmangel bleibt lange unauffällig und zeigt sich dann plötzlich: als Verwirrtheit, Schwindel, Sturz oder Infekt. Diese Seite erklärt, woran man eine Austrocknung erkennt, warum die üblichen Hausmittel-Tests im Alter täuschen, wie viel ältere Menschen trinken sollten und wie man im Alltag wirklich mehr ins Glas bekommt. Wie Austrocknung mit Mangelernährung zusammenhängt, steht unter Mangelernährung.
Was ist eine Austrocknung?
Bei einer Austrocknung – Fachleute sagen Exsikkose oder Dehydratation – fehlt dem Körper Wasser. Zwei Formen sind zu unterscheiden:
- Zu wenig getrunken: Über Tage kommt weniger Flüssigkeit hinein, als der Körper verliert. Das ist bei älteren Menschen häufig
- Zu viel verloren: Bei Durchfall, Erbrechen oder Fieber verliert der Körper in kurzer Zeit Wasser und Salze. Das kann innerhalb von Stunden gefährlich werden
Beide Formen können zusammenkommen – etwa wenn jemand mit Magen-Darm-Infekt auch noch kaum trinkt.
Warum ältere Menschen gefährdet sind
- Weniger Durst: Vor allem im hohen Alter lässt das Durstgefühl nach. Wer sich nur auf den Durst verlässt, trinkt zu wenig
- Erkrankungen wie Demenz, Schluckstörungen, Infekte oder Fieber
- Medikamente, vor allem Entwässerungstabletten
- Bewusst weniger trinken – aus Sorge vor Inkontinenz, vor dem nächtlichen Aufstehen oder weil der Weg zur Toilette mühsam ist
- Hilfe nötig: Wer das Glas nicht selbst erreichen oder halten kann, trinkt nur, wenn jemand daran denkt
- Die Nieren arbeiten im Alter nicht mehr so gut
Meist treffen mehrere dieser Gründe zusammen.
Warnzeichen
- Erste Zeichen: Durst, Konzentrationsprobleme, Kopfschmerzen, Schwindel
- Schwindel nach schnellem Aufstehen, Herzrasen
- Trockene Schleimhäute, eingesunkene Augen
- Muskelkrämpfe
- Teilnahmslosigkeit, Verwirrtheit – bei älteren Menschen manchmal das Erste, was auffällt
- Krampfanfälle bei schwerem Mangel
Eine neue, rasch auftretende Verwirrtheit ist immer ein Warnsignal – Flüssigkeitsmangel ist ein bekannter Auslöser eines Delirs. Bei älteren Menschen können schon wenige solcher Faktoren genügen.
Was wirklich Klarheit bringt
Viele verlassen sich auf einfache Tests: eine Hautfalte am Handrücken hochziehen, in den Mund schauen, auf die Urinfarbe achten. Bei älteren Menschen sind diese Zeichen aber unzuverlässig. Die europäische Fachgesellschaft für klinische Ernährung (ESPEN) empfiehlt ausdrücklich, Hautfalte, Mundtrockenheit, Gewichtsveränderung und Urinfarbe nicht zu verwenden, um den Flüssigkeitshaushalt älterer Menschen zu beurteilen.
- Verlässlich ist ein Bluttest: Gemessen wird die Konzentration gelöster Teilchen im Blut, die Serumosmolalität. Liegt sie über 300 mOsm/kg, spricht das für eine Austrocknung durch zu wenig Trinken. Bei Durchfall oder Erbrechen kann dieser Wert dagegen normal sein – dann beurteilt der Arzt die Lage anders
- Bei unerwarteten Veränderungen – plötzlich verwirrt, schwach, gestürzt – sollte deshalb auch an Flüssigkeitsmangel gedacht und gezielt nachgefragt werden
- Eine unauffällige Hautfalte beruhigt nicht. Wer wenig trinkt und sich verändert, gehört ärztlich angeschaut
Folgen
Ein deutlicher Flüssigkeitsmangel kann gerade bei älteren Menschen ernste Folgen haben:
- Stürze und Knochenbrüche
- Verwirrtheit bis zum Delir
- Schlechtere Verträglichkeit von Medikamenten
- Verstopfung
- Infektionen, etwa Harnwegsinfekte
- Krampfanfälle und Herzrhythmusstörungen
- Bei schwerem Mangel ein Kreislaufschock – ein Notfall
Wie viel sollten ältere Menschen trinken?
- Orientierung: Für Erwachsene gelten in Deutschland etwa 1,5 Liter Getränke am Tag als gute Orientierung
- Für ältere Menschen empfiehlt die ESPEN-Leitlinie, älteren Frauen mindestens 1,6 Liter und älteren Männern mindestens 2 Liter Getränke am Tag anzubieten – es sei denn, eine Erkrankung erfordert etwas anderes
- Ausnahmen: Bei Herzschwäche oder Nierenschwäche kann der Bedarf ganz anders sein. Dann legt der Arzt die Trinkmenge fest
- Über den Tag verteilen: Die Nieren älterer Menschen verkraften große Mengen auf einmal schlecht – nicht mehr als etwa 0,7 bis 1 Liter pro Stunde
- Was zählt: Wasser, Kräuter- und Früchtetee, Saftschorle. Auch Kaffee und schwarzer Tee zählen mit – das Koffein wirkt nur wenig harntreibend
- Mehrbedarf: Bei Hitze, Fieber, Durchfall oder Erbrechen steigt der Bedarf
Behandlung
- Leichter Mangel: lässt sich durch vermehrtes Trinken über einige Stunden wieder ausgleichen – in kleinen Mengen, immer wieder angeboten
- Schwerer Mangel: lässt sich über Trinken meist nicht mehr ausgleichen. Dann ist ärztliche Behandlung nötig – Flüssigkeit und bei Bedarf Salze lassen sich rasch über eine Infusion ersetzen
- Ursache suchen: Infekt, Durchfall, Medikamente, Schluckstörung? Wer nur auffüllt, ohne nach dem Grund zu fragen, steht bald wieder am selben Punkt
- Medikamente prüfen lassen: Entwässerungstabletten und andere Mittel müssen bei einer Austrocknung manchmal vorübergehend angepasst werden – das entscheidet der Arzt, nicht die Familie
Rasch ärztlichen Rat holen bei ungewöhnlicher Schwäche, neuer Verwirrtheit oder Schwindel – besonders wenn jemand kaum trinkt, Durchfall hat, erbricht oder fiebert.
Notruf 112 bei Bewusstseinstrübung, Krampfanfall oder Zeichen eines Kreislaufschocks wie kühlen Händen und Füßen, Unruhe, Schweißausbrüchen, Teilnahmslosigkeit bis zur Bewusstlosigkeit.
Was Angehörige und Pflegende tun können
- Anbieten statt fragen: „Hier ist Ihr Tee“ wirkt besser als „Möchten Sie etwas trinken?“
- Vorlieben nutzen: Was jemand gern trinkt, trinkt er auch. Verschiedene Getränke anbieten, warm und kalt
- Trinken an Gewohnheiten koppeln: ein Glas zu jeder Mahlzeit, zu jeder Tablette, zu jedem Besuch
- Die Tagesmenge morgens bereitstellen, etwa in einer Karaffe – dann sieht man, was noch fehlt
- Sichtbar und erreichbar: Gläser an mehreren Stellen, leichte Becher, bei Bedarf Becher mit zwei Griffen
- Tagsüber trinken, statt insgesamt weniger: Wer nachts nicht so oft raus will, trinkt den größeren Teil vormittags und nachmittags
- Bei Hitze früher und öfter anbieten, Räume kühl halten
- Bei Herzschwäche oder Nierenerkrankung die vom Arzt festgelegte Menge einhalten
Austrocknung in der Pflege – worauf Pflegekräfte achten
- Jeden Menschen als gefährdet ansehen: Die ESPEN-Leitlinie empfiehlt, alle älteren Menschen als gefährdet für eine Austrocknung durch zu wenig Trinken zu betrachten und zum Trinken zu ermutigen
- Einfuhr erfassen, wenn ein Risiko besteht oder sich der Zustand verändert – ein Trinkprotokoll über einige Tage zeigt oft Überraschendes
- Nicht auf Hautfalte und Urinfarbe verlassen. Bei Verdacht – plötzliche Verwirrtheit, Schwäche, Sturz, Infekt – an Flüssigkeitsmangel denken und an den Arzt melden, damit eine Blutuntersuchung erwogen werden kann
- Unterstützung beim Trinken: Wer Hilfe braucht, bekommt sie regelmäßig angeboten – nicht nur zu den Mahlzeiten
- Schluckstörung: Getränke nach logopädischer Empfehlung andicken, aufrecht trinken lassen – siehe Schluckstörung
- Inkontinenz: Weniger trinken ist keine Lösung – konzentrierter Urin verstärkt den Harndrang eher. Mehr unter Inkontinenz
- In der SIS festhalten, was die Person gern trinkt, wann sie trinkt und welche Hilfe sie braucht – siehe SIS
- Grundlage für Pflegekräfte ist der Expertenstandard „Ernährungsmanagement zur Sicherung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege“ des DNQP, der auch die Flüssigkeitsversorgung umfasst – siehe Expertenstandards
Kurzvideos zum Thema
In etwa einer Minute erklärt – die Videos öffnen sich auf YouTube:
Häufige Fragen
Wie viel sollten ältere Menschen am Tag trinken?
Als Orientierung gelten in Deutschland etwa 1,5 Liter Getränke am Tag. Die europäische Fachgesellschaft ESPEN empfiehlt, älteren Frauen mindestens 1,6 Liter und älteren Männern mindestens 2 Liter anzubieten. Bei Herz- oder Nierenschwäche kann der Bedarf ganz anders sein – dann legt der Arzt die Menge fest.
Woran erkenne ich eine Austrocknung bei älteren Menschen?
Typisch sind Schwindel, Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme, trockene Schleimhäute, Teilnahmslosigkeit und vor allem neue Verwirrtheit. Einfache Tests wie die Hautfalte oder die Urinfarbe sind im Alter unzuverlässig. Ob jemand zu wenig getrunken hat, zeigt verlässlich erst eine Blutuntersuchung. Bei Durchfall oder Erbrechen beurteilt der Arzt die Lage anders.
Zählt Kaffee zur Trinkmenge?
Ja. Das Koffein in Kaffee und schwarzem Tee wirkt nur wenig harntreibend. Am besten sind Wasser und ungesüßte, nicht alkoholische Getränke wie Kräuter- und Früchtetee oder Saftschorle.
Hilft es, abends weniger zu trinken, um nachts nicht raus zu müssen?
Weniger trinken insgesamt ist keine gute Idee, weil ältere Menschen dann leicht austrocknen. Sinnvoller ist es, den größeren Teil der Tagesmenge vormittags und nachmittags zu trinken. Häufiges nächtliches Wasserlassen sollte ärztlich abgeklärt werden.
Was tun, wenn ein älterer Mensch plötzlich verwirrt ist und wenig getrunken hat?
Rasch ärztlichen Rat holen. Plötzliche Verwirrtheit kann ein Delir sein, und Flüssigkeitsmangel ist ein bekannter Auslöser. Bei Bewusstseinstrübung, Krampfanfall oder Schockzeichen den Notruf 112 wählen.
Kann man zu viel trinken?
Ja, vor allem auf einmal. Weil die Nieren im Alter nicht mehr so gut arbeiten, sollten größere Mengen über mehrere Stunden verteilt werden – nicht mehr als etwa 0,7 bis 1 Liter pro Stunde. Bei Herz- oder Nierenschwäche gilt die ärztlich festgelegte Menge.
Passend dazu
Mangelernährung · Delir · Schluckstörung · Inkontinenz · Herzschwäche · Die Nieren · Kurzvideos: Haut, Trinken und Alltag
Quellen
Neben meiner Erfahrung aus über 20 Jahren Altenpflege beruht diese Seite auf den folgenden Fachquellen. Die Links führen zum jeweiligen Original.
- ESPEN practical guideline: Clinical nutrition and hydration in geriatrics – Volkert D. et al., Clinical Nutrition 2022, Abschnitt 3.3 (Austrocknung durch zu wenig Trinken)
- Flüssigkeitsmangel (Dehydration) – Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
- Im Alltag genug trinken: Tipps und Hilfen – IQWiG
- Expertenstandard Ernährungsmanagement zur Sicherung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege – Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)
- S3-Leitlinie Delir im höheren Lebensalter – DGG und DGGPP mit weiteren Fachgesellschaften, AWMF-Register 109-001
Tobias Hoffmann – examinierter Pfleger, seit über 20 Jahren in der Altenpflege, Praxisanleiter und Qualitätsbeauftragter. Mehr über mich und woher die Inhalte kommen