Verstopfung (Obstipation)
Verstopfung gehört zu den häufigsten Beschwerden im Alter und zu den am meisten unterschätzten. Sie verursacht Bauchschmerzen, Übelkeit und Appetitlosigkeit, sie kann Verwirrtheit auslösen und im schlimmsten Fall zum Darmverschluss führen. Diese Seite erklärt, ab wann man überhaupt von Verstopfung spricht, welche Medikamente sie verursachen, warum plötzlicher Durchfall ein Warnzeichen dafür sein kann und in welcher Reihenfolge Abführmittel eingesetzt werden. Wie die Verdauung arbeitet, steht unter Magen & Darm.
Was Verstopfung wirklich bedeutet
Der hartnäckigste Irrtum zuerst: Täglicher Stuhlgang ist nicht nötig. Normal ist alles zwischen dreimal täglich und dreimal wöchentlich. Wer alle zwei Tage ohne Beschwerden Stuhlgang hat, ist nicht verstopft und braucht kein Abführmittel.
Von Verstopfung spricht man, wenn über längere Zeit mehrere dieser Punkte zutreffen:
- seltener als dreimal pro Woche Stuhlgang
- harter, klumpiger Stuhl
- starkes Pressen nötig
- das Gefühl, der Darm sei nicht leer
- das Gefühl einer Blockade im Enddarm
- Nachhelfen mit den Fingern nötig
Entscheidend ist die Konsistenz, nicht die Häufigkeit. Zur Verständigung mit Ärzten und Pflegekräften hilft die Bristol-Stuhlformen-Skala: Typ 1 sind einzelne harte Kügelchen, Typ 3 und 4 sind die Wunschform – wurstförmig und weich, Typ 7 ist flüssig. Wie die Verdauung arbeitet, steht unter Magen und Darm.
Warum sie im Alter so häufig ist
- Bewegungsmangel. Der Darm folgt dem Körper: Wer liegt, dessen Darm liegt auch. Das ist bei Bettlägerigkeit der stärkste Faktor.
- Zu wenig Trinken. Der Dickdarm entzieht dem Stuhl Wasser. Bei Flüssigkeitsmangel entzieht er mehr.
- Wenig Ballaststoffe – oft, weil das Kauen schwerfällt oder wegen einer Schluckstörung weich gegessen wird.
- Medikamente – siehe unten, die häufigste übersehene Ursache.
- Beckenbodenschwäche und nachlassende Bauchpresse.
- Unterdrückter Stuhldrang. Wer auf Hilfe warten muss, sich schämt oder die Toilette nicht rechtzeitig erreicht, hält ein. Der Drang verschwindet, der Stuhl bleibt und wird härter.
- Erkrankungen: Parkinson (sehr häufig, oft Jahre vor den Bewegungsstörungen), Diabetes, Schilddrüsenunterfunktion, Schlaganfall, Demenz, Depression, Tumoren im Darm.
- Fremde Umgebung. Nach Krankenhausaufnahme oder Heimeinzug stockt die Verdauung fast regelhaft – andere Zeiten, andere Kost, fehlende Privatsphäre.
Medikamente als Ursache
Bevor irgendetwas anderes gesucht wird, lohnt der Blick auf den Medikamentenplan. Diese Gruppen verstopfen häufig:
- Opioide – zuverlässig und dauerhaft, ohne Gewöhnung. Siehe unten.
- Mittel, die den Darm ruhigstellen (fachlich: anticholinerg wirkende Mittel) – ältere Antidepressiva, Blasenmittel gegen Dranginkontinenz, manche Neuroleptika und Allergiemittel
- Eisenpräparate
- Calcium- und aluminiumhaltige Magenmittel
- Entwässerungsmittel – über den Flüssigkeitsverlust
- Manche Blutdruckmittel, vor allem Kalziumantagonisten wie Verapamil
- Mittel gegen Parkinson und gegen Krampfanfälle
Oft lässt sich etwas ändern: eine andere Substanz, eine niedrigere Dosis, oder von vornherein ein Abführmittel dazu. Das gehört in den jährlichen Medikamenten-Check, siehe Medikamente im Alter. Nie selbst absetzen – aber ansprechen.
Im Enddarm sammelt sich über Tage oder Wochen ein harter Stuhlballen, der nicht mehr abgeht. Das nennt man Koprostase. Flüssiger Stuhl von oben läuft an diesem Ballen vorbei und tritt unkontrolliert aus. Was aussieht wie Durchfall, ist eine schwere Verstopfung – und die schlimmste Reaktion darauf wäre ein Mittel gegen Durchfall.
Typische Konstellation: Ein Bewohner hat seit Tagen keinen richtigen Stuhlgang gehabt, ist unruhig oder verwirrt, hat einen aufgetriebenen Bauch, wenig Appetit – und nässt nun mit dünnem Stuhl ein.
Was zu tun ist: ärztlich untersuchen lassen, dazu gehört die Untersuchung des Enddarms mit dem Finger. Aufgelöst wird die Koprostase von unten, mit Klistier oder Einlauf, manchmal muss der Ballen ausgeräumt werden. Erst danach wird von oben nachbehandelt.
Sofort ärztlich: aufgetriebener, harter, druckschmerzhafter Bauch, Erbrechen, kein Wind- und Stuhlabgang mehr, kolikartige Schmerzen. Das kann ein Darmverschluss sein.
Warnzeichen, die abgeklärt gehören
- Neu aufgetretene Verstopfung nach dem 50. Lebensjahr ohne erkennbaren Anlass
- Blut im oder am Stuhl, schwarzer Teerstuhl
- Ungewollter Gewichtsverlust
- Bleistiftdünner Stuhl über längere Zeit
- Wechsel zwischen Verstopfung und Durchfall
- Nächtliche Bauchschmerzen, Blutarmut, Fieber
- Darmkrebs in der Familie
Diese Zeichen bedeuten nicht automatisch etwas Schlimmes, gehören aber untersucht statt behandelt.
Was ohne Medikamente hilft
- Bewegung, so viel wie möglich. Auch im Sitzen: Beine anziehen, Oberkörper drehen, Radfahren im Liegen. Jeder Gang zählt.
- Trinken, 1,5 Liter, sofern ärztlich nicht begrenzt. Wichtig: Ballaststoffe ohne ausreichend Flüssigkeit verschlimmern die Verstopfung.
- Ballaststoffe langsam steigern – Vollkorn, Gemüse, Obst, Leinsamen (geschrotet), Flohsamenschalen. Bei sehr immobilen Menschen sind große Ballaststoffmengen allerdings ungünstig; hier wirkt Macrogol besser.
- Den gastrokolischen Reflex nutzen. Etwa 20 bis 30 Minuten nach dem Frühstück ist die Darmbewegung am stärksten. Diese Zeit fest für den Toilettengang einplanen, jeden Tag zur selben Uhrzeit.
- Richtig sitzen. Ein Hocker unter den Füßen bringt die Knie über Hüfthöhe und öffnet den Enddarmwinkel – das erspart viel Pressen. Vorbeugen, Ellenbogen auf die Knie.
- Ruhe und Privatsphäre. Toilette statt Bettpfanne, wo immer es geht. Tür zu, Zeit lassen, kein Zuruf von draußen. Das ist keine Nebensächlichkeit, sondern oft der entscheidende Punkt.
- Bewährte Hausmittel: ein Glas lauwarmes Wasser auf nüchternen Magen, eingeweichte Backpflaumen oder Pflaumensaft, Sauerkrautsaft, Kefir. Bei Pflaumen zeigt sich in Studien eine ordentliche Wirkung.
- Bauchmassage im Uhrzeigersinn, dem Darmverlauf folgend, mit warmen Händen und leichtem Druck.
- Toilettengang nie hinauszögern, wenn der Drang da ist.
Abführmittel – das Stufenschema
Zwei alte Ängste halten sich hartnäckig: Abführmittel machten abhängig und träge. Für die heute üblichen Mittel gilt das so nicht. Wer sie braucht, darf sie dauerhaft nehmen – gerade bei Opioiden ist das sogar zwingend.
- Stufe 1: Macrogol (Polyethylenglykol). In der Pflege meist der erste Schritt – die Leitlinie nennt Macrogol, Bisacodyl und Natriumpicosulfat gleichrangig als Mittel der ersten Wahl. Bindet Wasser im Darm, wird nicht aufgenommen, wirkt zuverlässig und ist auch über Jahre unbedenklich. Wichtig ist, es in der vorgegebenen Wassermenge aufzulösen und diese auch zu trinken. Wirkung nach ein bis drei Tagen.
- Stufe 2: Bisacodyl oder Natriumpicosulfat. Regen die Darmbewegung an. Wirken über Nacht. Bei Bedarf und auch regelmäßig einsetzbar, wenn ärztlich so vorgesehen.
- Stufe 3: Zäpfchen oder Klistier. Wirken von unten, innerhalb von Minuten bis einer halben Stunde. Sinnvoll, wenn der Stuhl im Enddarm bereits angekommen, aber hart ist.
- Bei Bedarf ärztlich: Einlauf oder manuelles Ausräumen bei Koprostase.
Was weniger geeignet ist: Lactulose wirkt gut, führt aber häufig zu Blähungen und Bauchkrämpfen. Salzhaltige Abführmittel wie Glaubersalz sind im Alter problematisch, weil sie den Salzhaushalt durcheinanderbringen. Paraffinöl kann bei einer Schluckstörung in die Lunge geraten. Pflanzliche Mittel mit Sennesblättern oder Aloe sind für den Dauergebrauch nicht die erste Wahl.
In der Pflegedokumentation gehört ein Stufenplan hinterlegt: was nach wie vielen Tagen ohne Stuhlgang gegeben wird und wann die Ärztin informiert wird. Das verhindert, dass jede Schicht anders entscheidet.
Verstopfung durch Schmerzmittel
Opioide – von Tilidin und Tramadol bis Morphin und Fentanylpflaster – bremsen die Darmbewegung. Anders als bei Müdigkeit und Übelkeit gewöhnt sich der Darm daran nicht. Die Verstopfung bleibt, solange das Medikament gegeben wird.
Deshalb die Regel: Wer ein Opioid bekommt, bekommt von Anfang an ein Abführmittel dazu – nicht erst, wenn nichts mehr geht. In der Praxis meist Macrogol als Dauergabe. Das gilt auch in der Palliativpflege, wo unbehandelte Verstopfung eine der häufigsten und quälendsten Belastungen ist.
Reicht das nicht, gibt es Substanzen, die die Opioidwirkung gezielt im Darm aufheben, ohne die Schmerzlinderung zu beeinträchtigen. Danach lohnt es sich zu fragen, wenn die üblichen Mittel versagen. Mehr zum Thema unter Schmerz im Alter.
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Quellen
Neben meiner Erfahrung aus über 20 Jahren Altenpflege beruht diese Seite auf den folgenden Fachquellen. Die Links führen zum jeweiligen Original.
- S2k-Leitlinie Chronische Obstipation – DGVS und DGNM, AWMF-Register 021-019, 2022
- S3-Leitlinie Hausärztliche Leitlinie Multimedikation – DEGAM, AWMF-Register 053-043, 2021
Tobias Hoffmann – examinierter Pfleger, seit über 20 Jahren in der Altenpflege, Praxisanleiter und Qualitätsbeauftragter. Mehr über mich und woher die Inhalte kommen